Unter Menschen: Chagu

Unter Menschen: Chagu

Chagu ist Touristenführer in einem Viertel, was beim besten Willen keinen Touristenführer braucht – ein wohl verdienter Feierabend muss dennoch angemessen gefeiert werden.

Sein Name war Chagu und die Welt gehörte ihm. Er arbeitete als Touristenführer in der Schanze, was ihm immer etwas redundant schien, denn eigentlich gab es in der Schanze nicht sonderlich viel zu sehen. Es war vielmehr der Gesamteindruck, welcher das Viertel ausmachte, wie er fand, aber gut – gibt Schlimmeres als ‘ne Touristenfalle sein. Positiv betrachtet, ließen die einzelnen Attraktionen sich zumindest dementsprechend einfach runterrattern (sofern man sie denn Attraktionen nennen konnte; es handelte sich zumeist um eine Eigenauswahl Chagus).

So, Friends, fing Chagu dessen Führung wie gewohnt an. Hier seht ihr Kimo, bester Falafelladen Hamburg – richtig kultig, das Teil. Bisschen weiter oben ist Falafelstern. Man munkelt ja, die jeweiligen Besitzer arbeiteten bei Kimo mal zusammen, dann gabs Stress und Falafelstern ist aus Trotz zwei Läden weiter oben entstanden. Aber bei beiden läuft, also alles gut, schätze ich mal.

Das ist Zeybeks Obst- und Gemüseladen. Ist älter als ich der Schuppen, Hamburger Institution einfach. Am Wochenende pinkeln da mal gerne ein paar Leute im Suff gegen, aber lasst euch davon nicht abschrecken, Friends, dann dürftet ihr hier nirgendwo mehr einkaufen, ehrlich gesagt.

Das schnieke Etablissement da oben mit der Frakturschrift als Titel ist Omas Apotheke und die ist so ziemlich alles außer ‘ner Apotheke, wenn ihr versteht. Bisschen irreführend, ich weiß, glaub das ist aber der Witz daran. Morgens bis mittags ist das ein Café, dann wird’s ein etwas höher karierter Imbiss bis Restaurant – ganz lecker, kann man auf jeden Fall mal machen – und abends wird’s dann eine Kneipe. Alles sehr urig, wenn einem das gefällt. Personal ist tipptopp, haben einen klasse Mexikaner und wenn du da mal auf Klo kotzt, macht auch niemand Auge, versteht ihr, Friends? Schönes Ding.

Gegenüber ist Frank und Frei. Auch sehr cool, nette Leute darin, sehr viel amerikanischer Fraß und die haben Guinness. Gutes Bier, finde ich, hat ein bisschen was von Kaffee, aber gut, dafür seid ihr wohl eher nicht hier.

Weiter im Text, ich präsentiere: Die Ratsherrn-Brauerei und somit das drittbeste Bier Hamburgs, wenn man mich fragt, aber gut. Preis-Leistung ist etwas schwierig, aber kann man auf jeden Fall trinken. Ist so’n Hipstergesöff. Dahinter seht ihr die Messehallen, aber die interessieren nun wirklich nicht. Einfach weitergehen, Friends. Einfach weitergehen.

Das hier ist Fritz Bauch. Ist meine ich eine Absteige für Studenten geworden, oftmals, wenn man sich für wenig Geld die Kante geben möchte. Ihr wisst Bescheid.

Hier ist ein Kiosk. Braucht jemand Zigaretten? Nein? Nur ich? Okay, wartet mal kurz, bin gleich wieder da.

So, hier seht ihr das Goldfischglas. Kleiner Club, Schrägstrich Bar. Alles sehr Retro da drin. Gegenüber ist ein Dönerladen – eigentlich auch immer ein Plus. Na ja. Sind hier irgendwelche Leute vom Dorf in der Gruppe? Ja, okay – bitte nicht gleich ausrasten, wenn ihr dort einen Vöner seht, nur weil es das in eurem Kaff nicht gibt. Kann’s nicht mehr hören, ey. Gibt’s hier an jeder Ecke. Und die nächste Person, die einen Stromkasten mit Graffiti drauf fotografiert und Oh mein Gott, das ist so Hamburg!! sagt, fliegt raus. Sorry, ich hasse meinen Job – wo waren wir? Ach ja.

Ihr wisst, wie Berliner immer sagen, sie hätten die beste Currywurst in ganz Deutschland, Friends? Absoluter Schwachsinn, natürlich – aber gut, was wissen die schon, sind halt aus Berlin. Das hier ist Schmitt Foxy Food, beste Currywurstbude Hamburgs und das einzige Klientel, das verstanden hat, zu einer guten Currywurst gehört auch ‘ne schöne, kühle fritz kola. Wie bitte? Nee, das ist nicht lokalpatriotisch, das ist Fakt, und jetzt halt mal die Gusche, ich versuch hier war zu erzählen, ja?

Gegenüber ist ‘ne Bank, falls hier jemand ein paar Euronen braucht und falls Currywurst nicht so euer Ding ist, da oben gibt’s auch ‘ne Pizzabude. Ist ganz lecker da. Die haben so Knoblauchstücke und Pfefferkörner in Olivenöl, erinnert mich immer an ein Gehirn in ‘nem Einmachglas oder sowas, richtig cool. Leichter Frankenstein Vibe.

Oh, das hier ist jetzt was ganz Besonderes, Friends – und wahrscheinlich auch die einzige Attraktion, die ich heute tatsächlich vorstelle, wenn wir mal ehrlich sind. Wie bitte? Nein, Geld kriegste nicht zurück. Und jetzt Gusche zu, muss mich konzentrieren. Also, wo war ich? Ach, genau. Die rote Flora. War mal ein Theater, aber das liegt schon ganz lange in der Vergangenheit. Heute ist das mehr das linkspolitische Mekka Hamburgs – gut, bisschen hochgestochen vielleicht, ich geb’s zu. Ist zumindest ein autonomer Sammelort, wenn man so möchte. Kurzum: Ist ‘ne Institution, bisschen das Herz des Viertels, würde ich sagen. Spiegelt das hier alles ganz gut wieder.

Ich weiß, optisch macht die Flora nicht viel her. Verbraucht, dreckig, hässlich – hat aber trotzdem sehr viel Charakter, oder? Bisschen wie die Schanze selbst halt. Wer was Glattpoliertes will, soll zum Jungfernstieg. Ist für die Leute hier jedenfalls ein wichtiges Gebäude, keine Frage.

Vor einer Weile wollte die Hamburger Regierung das Gebäude abreißen. Ist wenig überraschend, oder? Dass das Ding weg vom Fenster ist, scheint sehr im Interesse der Hamburger Politik. So bei dem, wofür die Flora nun mal steht. Aber das wäre ein Genickbruch. Beraubst du die Schanze der Flora, beraubst du dem Viertel auch so’n bisschen ihrer Seele. Genau das ist das Ding. Hatten mal ein ähnliches Debakel mit der Sternbrücke, nicht weit von hier. Gentrifizierung, ihr kennt’s, alles scheiße – kann man so widerspenstig sein, wie man möchte, lässt sich einfach nicht vermeiden. Liegt auch ein bisschen an den Touris – nicht böse gemeint. Exzessiver Tourismus ist letzten Endes lediglich das Symptom einer postkapitalistischen Erlebniskultur, welche interpersonelle Erfahrungen und Erlebnisse der individuellen Eudämonie gegenüber priorisiert, da könnt ihr nix für. Was ist? Ja, ich kann auch intellektuell, ich hab‘ Sally Rooney gelesen – cogito ergo sum, Motherfucker! Da staunste, was? Egal, wo war ich?

Bisher konnten wir das offensichtlich noch verschieben, aber wie gesagt, die Uhr tickt. Die Schanze ist zu einem gewissen Grad ein Szeneviertel – ganz klar, muss man nicht drüber reden. Für die Stadt Hamburg heißt das, hier liegt auch Kapital. Jede Großstadt ist auch eine Touri-Stadt, was soll man sagen? Ich meine, sieht man doch. Wofür habt ihr mich sonst gebucht? Punkt ist: Wird die Flora abgerissen, gibt es hier nichts mehr zu sehen. Da fehlt dann einfach was ganz Essenzielles. Man weiß es vielleicht nicht, aber genau dafür kommt man eigentlich hierher. Wenn ihr mal in euch reinhört, dann wisst ihr, dass das stimmt – bisschen esoterisch, ich weiß. Aber gut, reicht dann auch. Wichtiges Gebäude. Wenn ihr die volle Ladung Schanze wollt, kommt ihr an der Flora nicht vorbei, mehr möchte ich gar nicht sagen.

An dieser Stelle endete Chagus Tour ganz prinzipiell. Alles war gesagt, alles war getan – Zeit für sein Feierabendritual. Chagu’s Sideturn, wie er es nannte. Und in diesem Sinne folgten einige letzte Worte zum Abschied oder Weitermachen, je nachdem.

Ich kann euch jedenfalls nur empfehlen, Friends: Schaut euch hier einfach selber um, ja? Ist ein überraschend vielfältiges Viertel und jeder hier würde euch verschiedene Ecken zeigen mit ganz eigenen Erinnerungen und Favoriten. Gibt hier viel zu sehen, schaut euch um, lohnt sich. Solange ihr noch könnt, meine ich. Beim nächsten Mal ist es vielleicht nicht mehr da. Hier wird ein Gebäude nach dem anderen abgerissen. Gentrifizierung und so’ne Scheiße – meinte ich ja schon. Ist echt ‘ne Schande, wenn ihr mich fragt.

Mehr als genug zu sehen gibt es auf jeden Fall noch. Tribünen, Waagenbau, das Knust, der Energiebunker, was auch immer – alles noch sehr sehenswert, wenn ihr mich fragt. Noch Fragen? Nein? Klasse.

Na ja, wollt jetzt einmal in die Seitengasse, bisschen peppen. Jemand Bock? Nee? Ach, ihr seid doch alle langweilig.

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