Unter Menschen: Tim

Es ist Samstagabend und Tim hat Feierabend, als ihn das bekannte Bedürfnis überkommt, ein paar Leuten gehörig auf die Nerven zu gehen.

Tim hatte gerade Feierabend und einen Schalk im Nacken. Ganz spontan beinahe, war ihm nach etwas Schabernack zumute. Vielleicht sogar Eulenspiegelei, aber da war er sich noch nicht sicher. Fest stand lediglich sein Talent dafür, Menschen auf den Nerv zu gehen, wenn er denn wollte. Abseits davon war Tim eigentlich ein ziemlich umgänglicher Typ. So umgänglich, wie man es sich nun mal von einem Typen namens Tim erhoffte.

Allein die Vorstellung, an einem Samstagabend Feierabend zu machen, scheint den meisten ein prinzipieller Graus. Nee du, am Samstag arbeiten, das könnte ich ja nie!, meinen sie. Da bin ich über meinen Bürojob ganz froh. Da habe ich das Wochenende immer für mich, nä?, meinen sie. Tim hatte dazu genau zwei Sachen zu sagen:

  1. Opfer.
  2. Man gewöhnt sich dran, gibt Schlimmeres. Muss seinen Bewohnern und Bewohnerinnen auch den Arsch abwischen, aber als Pfleger hat man dafür seine eigenen Vorteile.

Eine leicht gehässige, beinahe rabiate Freude daran, anderen ein bisschen Zeit von ihrem Samstagabend zu stehlen, musste Tim sich dennoch eingestehen. Das hatte keinen besonderen Grund. Keinen aufgestauten Frust über das eigene Arbeitsverhältnis, welcher ihn dazu veranlagte, es Wildfremden in irgendeiner Form heimzuzahlen; kein unterdrückter Menschenhass, der langsam und doch stetig an die Oberfläche kochte, und der Spaß an der Freude selbst war es eigentlich auch nicht. Das latente Bedürfnis nach einer Prise Anarchismus, das mochte es vielleicht sein, aber Tim verstand das nicht unbedingt als Grund, sondern vielmehr als Naturinstinkt der meisten. Selbst die schlimmsten aller Bürohengste, die Philipp Amthors dieser Welt, würden so ihre Tage haben, wo sie sich denken Heute lege ich mir mal eine Tomatenscheibe mehr aufs Brot. Ich fühle mich wild und ungehemmt. Fuck yeah.

Tim hatte nur solche Tage. Der Teufel steckt im Detail, das Chaos erst recht. Ein eigentlich ruhiger Typ, der von seinen Freunden mittlerweile häufiger als nicht als leicht spießig abgetan wird, seitdem er nicht mehr jedes Wochenende unter exzessivem Mischkonsum in verschiedensten Clubs zu Goa steppt. Nur ist es so: Tims Temperament hat sich grundsätzlich nicht verändert, sondern die Methode, wie er dieses auslebt. Ein bisschen Anarchismus also – und das fand Tim eigentlich überall. Manchmal schien es ihm, die Lauserei würde in der Tat ihn suchen, nicht etwa andersrum. Somit dauerte es keine zwei Minuten, bis er das umgekippte Dixi-Klo fand. Irgendwo an einer Kreuzung in der Schanze, nahe der Roten Flora, zwischen Pizzabude und Bankautomat. Wird irgendwer im Suff umgeschmissen haben. Er hatte seine Idee.

Tim hockte sich hin und inspizierte das blaue Plastikurinal. Die Tür war noch geschlossen. In fetten Lettern stand DIXI draufgeschrieben, die I-Punkte wurden durch kleine Herzen ersetzt. Sehr passend, dachte sich Tim. Er hat mal irgendwo aufgeschnappt, dass Herzen als Symbol auf vorgebeugten Hintern basieren. Ist einfach ein cleveres Design, kann man sagen was man will. An der Seite der Toilette stand in nicht weniger dicken Buchstaben TOI TOI, erneut mit herzförmigen I-Punkten geschrieben. Der Name des Herstellers. Darunter ein kleiner Slogan: mobil in Sanitär & mehr. An der Seite rann etwas Pisse raus. Ballert, dachte sich Tim. Très chic; sehr en vogue, muss ich schon sagen. Bisschen hässlich, bisschen traurig, stinkt brutal. Genau mein Ding. Mal gucken, wer da seine Meinung teilt.

Bestimmt 30 Leute passierten Tim, bis einer endlich den Köder geschluckt hatte. Er wusste: Von da aus würde das Ding ganz alleine ins Rollen kommen. Die Hockstellung verließ er seither nicht. Dann aber geschah es.

Entschuldigung, Bruder, fragte ein junger Typ, etwa Anfang 20. Alles gut bei dir?

Jaja, alles gut. Siehste das nicht?, antwortete Tim.

Der Typ kniete sich dazu und inspizierte das umgefallene Dixi-Klo nicht weniger aufmerksam. Sehe ich was?

Na da! Tim deutete mit dem Finger auf die Unterseite der Toilette.

Der Typ konzentrierte sich. Vollkommen hilflos. So blieb ihm nichts zu sagen außer: Hä?

Als nächstes kam eine junge Frau dazu, etwas älter als der Typ. Schanzenkind, eindeutig. Alles gut bei euch?, fragte auch sie.

Der Kollege hier meint, da unterm Dixi-Klo sei was, aber ich sehe nichts.

Sie hockte sich ebenfalls dazu. Ja, was meint er denn?, fragte sie.

Keine Ahnung, man. Er sagt ja nix.

Sie wandte sich an Tim. Sorry, aber was sollen wir denn da sehen?

Seht ihr das echt nicht?

Simultanes Kopfschütteln. Tim verweigerte sich einer Antwort.

Das Spiel wiederholte sich noch ein ganzes Weilchen. Bald schon waren sie zu fünft und die Gruppe fing an zu murmeln. Was ist denn da? Bruder, jetzt sag doch mal? Meinst du das da? Nee? Okay. Und kaum begann das Murmeln, versammelten sich immer mehr Leute; das Dixi-Klo wurde sozusagen zu einer kleinen Attraktion. Einem kleinen Rätselevent, dem immer mehr beiwohnten – und bald schon waren es 20 Leute. 20 Leute, die nicht mehr murmelten, sondern rege miteinander diskutierten, was er dort denn bitte zu sehen gab. Augenscheinlich war das immerhin nichts anderes als ein umgekipptes Dixi-Klo. Ich sag euch, da ist etwas in der Pisse drin! Ich glaube, unterm Klo klemmt eine kleine Maus, oder? Sieht das noch irgendwer? Vielleicht sollten wir es anheben. Nein, nein, nein! Leute, jetzt hört doch mal–

Es fiel Tim schwer nicht zu lachen, das hat alles viel besser funktioniert, als er sich je erhofft hatte. Aber irgendwann reicht es auch – Spaß beiseite, bevor aus der kleinen Rätselgruppe noch ein Mob wird, welcher ihn durchs gesamte Viertel scheucht. Hier sind schon weitaus seltsamere Dinge passiert als das; man muss es ja nicht unnötig provozieren.

Tim stöckelte ein, zwei Schritte nach vorne. Es kehrte sofortige Stille ein. Ein Jeder und eine Jede richteten ihren Blick auf ihn und ihn allein. Er griff unter die Kante des Dixi-Klos. Das Pupillenvolumen der einzelnen vergrößerte sich um mindestens 80% – Spannung, die tangierte.

Guckt mal!, rief Tim ganz stolz. Ein Euro. Kann ich mir zwei Bier von kaufen! Zufrieden zog Tim von dannen und ließ die kleine Menschenmasse alleine mit der Unklarheit, wie sie sich jetzt in Bezug auf diese Situation fühlen sollte. Das müssten sie schon selbst herausfinden. Tim für seinen Teil holte sich beim nächstgelegenen Kiosk zwei leckere, warme Hansa Export für 46 Cent. Heute war ein guter Tag.

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