Billigplätze im Theater

In einem längst verlassenen Theater lebten die Ratten Cosimo und Carter. Ihr nun so verlassenes Heim war einst die Attraktion ihrer Stadt mit den touchantesten und kultiviertesten aller Aufführungen, den talentiertesten Schauspielern, die zu den größten Sternen am Himmel ihrer Kunstform werden sollten und einem Publikum, wie es sonst nie jemand zuvor sah. Wo arm und reich Hand in Hand gingen, die Milieus miteinander angestoßen haben und der neureiche Fondsmanager dem altersschwachen Hafenarbeiter ein Bier spendierte.

           Jede Aufführung war ausverkauft und die Menschen genossen ihr gemeinsames Menschsein, ohne aufeinander herabzublicken; hier waren alle gleich.

           Patroklos‘ Amphore, so taufte sich das Theater damals, war ein Ort folglich ganz und gar einzigartiger Art, welchen jeder Zyniker sich weigern sollte zu fingieren – doch mussten sie sich geschlagen geben, wenn auch nur kurzweilig, denn er existierte.

           Weiterhin kann das Rattengespann sich entsinnen, wie es einst inzwischen dieser Menschenmasse lebte und dass jeder Tag schien als wäre er der Höhepunkt einer unendlichen, goldenen Ära. Doch sind diese Tage, wie ein jeder in einer Großstadt, mit dem Regen verwaschen und nur in nostalgisch illustren Runden gedenkt man dieser einstigen Blütezeit, sobald genug Wein geflossen ist, als dass die Melancholie das allgemeine Gemüt übernimmt.

           Während Cosimo jeder Aufführung lauschte und sie studierte, sich nachts in der Abwesenheit aller die Drehbücher schnappte und im Nachhinein mit dem Stück abglich, wodurch er entgegen aller Erwartungen – denn was ist das Leben im Unbedeutenden außer einer Herausforderung dieser? –  tatsächlich das Lesen lernte, plünderte Carter die Essstände und suhlte sich zwischen Popcorn und Softdrinks.

           Wenn sie auch Geschwister waren, hätten die beiden kaum unterschiedlicher sein können – lediglich ihre Unersättlichkeiten waren ihnen gemein und auch diese waren gänzlich unterschiedlicher Natur.

           Cosimo verfügte über einen außerordentlichen Verstand, der zweifelsohne mit den meisten Menschen konkurrieren konnte. Ach, diese Aussage wird dem kleinen Nager nicht gerecht! In der Tat war Cosimo weitaus schlauer als die meisten Menschen.

           Früh lernte er das Sprechen und Schreiben und sein dunkles Fell in Verbindung mit Augen so blau wie die Himmelsnacht gern wäre, verliehen ihm eine unscheinbare Tiefe, welche man in Ratten kaum vorzufinden erwartet. In Cosimos Miene verbarg sich Klugheit und Einsicht, welche wir Menschen anderen Lebensformen zumeist gar nicht zutrauen – und wer seine Mühen spitzt und einen sorgfältigeren Blick wirft, erkannte in Cosimo auch eine bestimme Gerissenheit, welche wir Menschen zumeist von uns abzuwerfen versuchen.

           Seine schlaksige, große Statur stand sehr im Kontrast zu der kleinen, pummligen seines Bruders Carter, welcher aufgrund seines braunen Fells und der gleichfarbigen Augen einen beinahe dreckigen, ungepflegten Gegensatz zu Cosimos kultivierten Zügen bat. Aber alas!, wie sie so häufig im Theater sprachen – denn, so zeigte uns Cosimo: Der Schein trügt und es täte Carter Unrecht zu behaupten, er sei seinem Bruder ein Klotz am Bein oder die Mausefalle, aus welcher dieser sich winden musste. Nein, Carter war für die ganz exorbitanten Geschehnisse dieser Handlung, möchte ich meinen, nicht weniger essenziell als Cosimo. In der Tat hätte der eine ohne die Beihilfe des anderen nicht vollbracht, was zu vollbringen war. Im Falle Carters musste man schlicht und ergreifend einen noch sorgfältigeren Blick werfen als bei dessen Bruder.

           Das ungewöhnliche Talent der braunen Ratte ließ sich nämlich nur unter richtiger Betrachtung tatsächlich als Talent abtun. Viele würden sicherlich meinen, es sei ein Laster, doch sind es zumeist die negativ angesehenen Dispositionen, welche ganze Gebäude aus ihren Fugen reißen können.

           Carter hatte, und ich überspitze nicht, einen schier endlosen Appetit. Wurde der französische Vielfraß Tarrare je wiedergeboren, so im Körper einer Ratte und sie trug den Namen Carter. Denn wie auch dessen Vorgänger aus Lyon, war Carter durchaus fähig schier endlose Mengen allerlei zu fressen, ohne nur das leiseste Gefühl von Sättigung zu erfahren – und wer mit Ratten vertraut ist, weiß, dass mit allerlei wahrlich allerlei gemeint ist. Eines nachts beispielsweise fraß Carter alle Esswaren des Theaters, ohne auch nur eine Pause einzulegen. Sich ihres unerbetenen Gastes nicht bewusst, ging das Personal von Diebstahl aus – und hätte es mehr Proviant gegeben, hätte Carter auch diesen verspeist – nicht, weil er müsste, sondern weil er könnte und im Gegensatz zu seinem Bruder das Schauspiel als so schrecklich fade empfand.

           Jahre mussten vergehen bis Patroklos‘ Amphore ihren Glanz verlor, antiquierte, und den Zynikern doch noch Möglichkeit gab in ihre Armbeugen zu keckern.

           Andere Attraktionen eröffneten in der Stadt und zogen die Menschen hinfort von diesem magischen Etablissement, bis es eines Tages dessen Türen schließen mussten – und wie an einem jeden verlassen Ort blieben nur noch die Ratten. Es gab nur noch Cosimo, Carter und ihr Theater in ungestörter Dreisamkeit. Leider verachten die Menschen – insbesondere kapitalistische Menschen, hört, hört! – das Nutzlose, das Profitlose, und so erwartete das Rattengespann seit langer Zeit ein Besucher. Oder ein unwillkommener Gast, sozusagen.

           „Cosimo, hier ist jemand! Jemand im Theater!”

           Das Dunkelfell blickte von seinem Skript – da diese Frage stets aufkommt: Es handelte sich um eine Aufführung von Oliver Twist – und wandte sich an dessen weniger düsteren, doch weiterhin dunkel melierten Bruder. „Hier im Theater?“, fragte Cosimo. „Ein Mensch?”

           „Ein Mensch, ja! Er trägt eine Uniform und so eine lustige Mütze und so einen schwarzen Stock hat er auch noch!”

           Cosimo guckte skeptisch. Unterhaltungen mit seinem Bruder erwiesen sich generell als schwierig, oder auch hohl, weshalb dieser nicht immer auf Anhieb zu verstehen wusste, was sein Bruder ihn nun mitteilen wollte. „Du meinst einen Polizisten, nicht?”

           „Genau, so heißen die! Ein Polizist! Wie nennst du die nochmal immer? Dieses schwierige Wort, Cosimo.”

           „Klassenverräter.“

           Der Klügere der zwei stand auf, bereit nachzusehen, was es hiermit auf sich hatte, während sein Bruder noch in aller Ruhe über dieses wunderbare, langsilbige Wort sinnierte. Könnte er doch nur so reden!

           „Polizisten bringen in der Regel keine guten Nachrichten, Carter. Ich erkundige mich mal.”

           Auf seinen Hinterpfoten, mit den vorderen versteckt hinterm Rücken, begab Cosimo sich zum Eingang. Eine Ganghaltung, welche dieser sich bereits in jungen Jahren zulegte. Vielleicht machte ihn das weniger agil und sein Körper schmerzte der ungeeigneten Haltung wegen, doch, und das verstand Cosimo, Menschen gehen ungemeine Längen, etwas, oder jemanden, auf ihr, dessen, Äußeres zu reduzieren – ihre Erwartungshaltung zu brechen, bedeutet sie zu entwaffnen. Cosimo musste kein Wort sagen, als dass man ihm seine Ungewöhnlichkeit ansah.

           Carter lag richtig, im Eingangssaal stand ein Polizist, welcher mit Taschenlampe das staubige, verlassene Theater inspizierte. Sein Gesicht schien grimmig und Cosimo dachte, dass dies die Art von Mensch sei, welche man konsequent als „Arschloch“ titulierte.

           „Verzeihung?”, sagte die Ratte eröffnend.

           Der Polizist blickte irritiert durch den scheinbar leeren Saal. „Hier unten”, wies Cosimo an, sich der Verwirrung des Polizisten bewusst. Der Beamte richtete seinen Lichtkegel auf den Nager und schaute irritiert drein – entwaffnet, sozusagen, wenn auch weiterhin mit Knüppel an dessen Gurt.

           „Die bourbonische Plage liegt mittlerweile ein paar Jahrhunderte in der Vergangenheit – ich tue Ihnen also nichts, keine Sorge. Könnte ich de facto auch gar nicht.”

           Der Polizist brauchte einen Moment, um zu verstehen, was gerade eigentlich passierte. Er schien verunsichert – wie alle Menschen, wenn sie mit dem Unbekannten konfrontiert werden.

           „Können Sie reden? Sie sind so still. Wenn nicht, wäre das zwar überaus ironisch, aber ich mache Ihnen keinen Vorwurf – da können Sie so viel für wie ich. Ich bin hier, um zu fragen, ob ich Ihnen helfen kann, Herr Polizist.”

           Cosimos gegenüber spekulierte für eine Sekunde, ob konfiszierte Halluzinogene bereits bei Berührung ihre Wirkung entfalteten, doch war er sich so langsam sicher: Das war echt.

           „Nein danke, ich komme alleine zurecht, Ratte”, schnauzte der Polizist und inspizierte weiter das Theater.

           Cosimo schaute entnervt. „Sie sind mir ja ein Charmebolzen. Sagen Sie doch Cosimo – das ist mein Name. Co – Si – Mo. Drei Silben, nicht schwer zu merken.”

           Der Polizist erwiderte Cosimos vorherige Reaktion. Hat die Ratte ihn eben als dumm bezeichnet? Ich möchte an dieser Stelle klarstellen: Ja.

           „Wie heißen Sie denn? Vielleicht ist das ein besserer Anfang.“

           „Dirk“, sagte Dirk.

           „Sehr schön. Wenn ich Ihnen schon nicht helfen kann, Dirk, dürfte ich denn wenigsten erfahren, was Sie in mein bescheidenes Heim treibt?”

           „Gucken, wie sicher das hier ist. Das Drecksloch soll renoviert werden. Einen Kleidungsladen wollen sie hieraus machen. Neuer Besitzer. “

           Cosimo stellte in diesem Moment fest, dass „scheiße“ in der Tat auch ein Adjektiv sein konnte, denn wie war dieser Mann, wenn nicht so?

           „Und jetzt zieh Leine und geh zurück in die Kanalisation oder wo auch immer du wohnst, Ratte. Ich hab zu tun.”

           „Nur ist dies mein Zuhause, wie gesagt“, korrigierte Cosimo. „Reden Sie eigentlich mit allen so? Ich bestehe darauf, mit demselben Respekt behandelt zu werden, denen ich auch Ihnen entgegenbringe.”

           Dirk schnaubte kurz spöttisch auf. Cosimo verstand, dass dieser Polizist Cosimo für noch weniger Mensch hielt als er andere, bestimmte Menschen für Mensch hielt.

           Der Polizist zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Herzlichen Glückwunsch: Du wurdest soeben deportiert, Ratte. Du magst reden können und auf deinen Hinterpfoten stehen, aber das macht dich nicht zivilisiert, nicht menschlich. Ich gehe mit dir um, wie ich mit dir umgehen will. Du bist eine Ratte – mehr nicht. Ich nach Gottes Vorbild geschaffen. Ganz einfache Kiste.”

           Das muss ein arschhässlicher Gott sein, dachte sich Cosimo.

           Der Polizist knipste sein Licht aus und begab sich zurück zum Eingang. „In einer Woche kommen die Bauarbeiter, überzeug die doch, das hier stehen zu lassen. Klappt bestimmt, Ratte.” Und so verschwand der Polizist.

           Cosimo durchrannte ein Gefühl, welches ihn nur selten überkam: Verwirrung – oder auch Unverständnis. Denn Cosimo handelte unter denselben Konditionen, welche der Mensch erwarten, nein, erfordern würde, und nichtsdestoweniger wurde er missachtet, geschändet – unsichtbar gemacht.

           Der Polizist jedoch ging reinen Gewissens nach Hause – er machte doch nur seinen Job.

*          *          *

Ein Kleidungsladen! Cosimo konnte es kaum fassen. Wie Unrecht solch eine Einrichtung Patroklos‘ Amphore, seinem Zuhause, diesem Wunderort täte. Doch wen scherte es, was Patroklos‘ Amphore einst war? Wen scherte es, dass Cosimo und Carter in diesem verlassenen Theater lebten? Genau. Doch für Cosimo war sie Heimat und die Gesamtheit ihres Seins zuglich.

            Carter fraß weiter.

*          *          *

Ob aufgrund der Ironie des Schicksals oder mangelnder Information: Die Aussage des Polizisten entsprach nicht der Wahrheit. Zumindest nicht ganz. Nach fünf Tagen betrat ein einzelner Bauarbeiter die Hallen von Patroklos‘ Amphore und wie sein beamteter Vorgänger, schien auch dieser das Gebäude zu inspizieren.

            Cosimo stellte schnell fest, dass die Gemeinsamkeiten zwischen dem Bauarbeiter und dem Polizisten damit begannen, dass sie beide Menschen in Uniform waren – und erneut: auch diese hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ein gelber Plastikhelm, eine orange Weste mit silbernen Streifen und eine grüne bis graue Hose mit mehr Taschen als Carter hätte zählen können, wäre er in diesem Moment nicht anderweitig beschäftigt.

            Auf der Oberlippe des Mannes befand sich ein schwarzes Dickicht, welches Cosimo in belebteren Zeiten dieses Ortes einst als „Pornobalken“ bezeichnet hörte und die dichte Armbehaarung ließ auf mehr Pelz vermuten als Cosimo und Carter in ihrem ganzen Leben hätten wachsen können.

            „Entschuldigung“, begann Cosimo und der Blick des Bauarbeiters richtete sich nach unten.

            „Ach du liebes Lieschen“, sagte er. „Jetzt hab ich wirklich allet gesehen! Mensch, du bist mir ja ener. Und reden kannste! Dat müsst man im Zoo ausstellen – ich sachs dir.“

            „Ich denke ich bleibe lieber hier, ehrlich gesagt.“

            „Mensch, dat is ein freies Land, auch für ne Ratte, ich will dich nicht aufhalten, Jung!“

            „Das ist sehr freundlich, danke. Könnte ich fragen, was dich hier zu uns führt? Ins Theater, meine ich.“

            „Dat soll bald neu gemacht werden, klener Freund. Kommt son Kleidungsladen rinn, hörste? Sehr schade, eigentlich, wenne mich fragst. Is doch hübsch hier! Hätt ich gern mal in Ekschn gesehen, aber joa, so is dat wohl.“ Der Bauarbeiter kratze sich wehmütig an der Stirn. Jetzt wo er das so sagte, wurde ihm bewusst, dass er diesen Ort trotz flüchtiger Bekanntschaft mochte, doch hat ihn das von vorherigen Aufträgen auch nicht abgebracht. Ein Mitbestimmungsrecht hätte er am Ende des Tages ohnehin nicht. Cosimo allerdings erkannte hierin ein gemeinsames Interesse.

            „In der Tat! Es ist wirklich schön hier. Und es ist mein Zuhause. Denkst du, da ließe sich eventuell etwas machen?“

            Der Bauarbeiter prustete einmal laut und ging in die Hocke. „Ich bin ganz ehrlich, klener Freund: Dat is ne harte Kiste. Glaub da kann ich nix machen.“

            Cosimo grübelte für einen Moment. „Weißt du – nein, warte. Wie heißt du eigentlich?“

            „Ich bin der Jochen.“

            „Jochen! Ein toller Name. Ich heiße Cosimo, schön dich kennenzulernen.

            „Weißt du, Jochen, du und ich sind gar nicht mal so unterschiedlich.“

            Jochen kratzte sich erneut an der Stirn. „Weißte, klener Freund, da bin ich mir jetzt gar nicht mal so sicher.“

            „Ich meine nicht körperlich, das ist mir schon klar.“

            „Ach so, na dann.“

            „Ich meine, dass du und ich mehr gemeinsam haben als der Augenschein vermuten lässt – denn gesellschaftlich sind wir eigentlich auf derselben Ebene: Ganz unten, bei den einfachen Leuten. Nur so viel Wert, wie den Dienst, den wir erweisen können – und wenn man mehr verlangt als angenehm, so wird man eben ersetzt.“

            „Da sachste wat, klener Freund.“

            „Für die da oben, für die privilegierten, reichen und besser situierten Leute, existieren wir gar nicht – und wenn sie einen Profit draus schlagen können, würden sie uns aus unserem eigenen Heim, auf die Straße hinausbefördern.“

            „So is dat!“ Es dämmerte Jochen, dass er und Cosimo entgegen seiner Erwartungen doch mehr gemein hatten als er zunächst vermutete.

            „Wir sitzen sozusagen im selben Boot, wenn man so möchte. Einem kleinen, instabilen Kutter mit zehnfach so vielen Leuten wie auf der Yacht nebenan. Und wir wissen, so wie wir darin gemeinsam sitzen, dass die Yacht uns im Fall der Fälle untergehen lassen, womöglich sogar versenken würde.“

            Jochen nickte entschlossen. Ihm gefiel, was der kleine Nager zu sagen hatten.

            „Aber das Beste kommt noch, Jochen! Weißt du, wie sie es nennen würden, wenn sie uns untergehen, wenn nicht sogar versenken ließen?“

            Jochen grübelte für eine Sekunde und schüttelte dann resigniert seinen Kopf. „Kene Ahnung, klener Freund.“

            „Eine unvermeidliche Tragödie.“

            Jochen gluckste einmal heftig. „Hast ganz schön wat in der Birne, Kollege Turnschuh. Dat merkt man aber sofort, Cosimo! Nicht schlecht.“

            Cosimo führte sein Argument unbeirrt weiter. „Genau das passiert mir gerade, Jochen. Ich wohne in diesem Theater. Ich wurde hier geboren. Es bedeutet mir etwas. Aber das interessiert niemanden. Rattenleben zählen scheinbar nicht. Denkst du, du kannst vielleicht ein Wort für mich einlegen?“

            Jochen schnaubte ein weiteres Mal. „Ich glaub dat liegt außerhalb meiner Kraft, klener Freund, ich hab nicht viel zu melden, weißte? In zwei Tagen gehts los.“

            Cosimo schaute traurig zu Boden. Er erwartete sich nicht viel und verspürte dennoch eine ungemeine Enttäuschung.

            „Tut mir schrecklich leid“, fügte Jochen hinzu.

            „Schon gut“, sagte Cosimo. „Dennoch, vielen Dank. Pass auf dich auf, Jochen.“

            „Du auch, klener Freund.“ Cosimo war gerade im Begriff von dannen zu ziehen als er den Bauarbeiter noch ein letztes Mal hörte. „Aber ich sach dir wat, klener Freund! Ich arbeite extra langsam, hörste? Dann habt ihr zumindest en bisschen mehr Zeit zum Packen, ja?“

            Cosimo wusste die Geste wahrlich zu wertschätzen. Was ein gutherziger Mensch, dachte er sich und trottete zurück zu Carter.

*          *          *

Carter erwartete seinen Bruder bereits freudig mit vereinzelten Holzsplittern- und -spänen, welche ihm aus seinen staubbedeckten Mundwinkeln hingen, doch war sein Frohsinn schnell passé als er merkte, wie trist Cosimo dreinblickte.

            „Weitermachen?“, fragte Carter.

            „Weitermachen“, sagte Cosimo. „Lass mich dir ein bisschen helfen, ja?“ Gemeinsam knabberte das Rattengespann am Grundgerüst des Theaters. An den Säulen und Wänden, den Böden und Dächern, den Ständen und der Bühne. Sie knabberten und knabberten, unaufhörlich, während Cosimo einen Casus knacksus nach dem anderen bestimmte – und wenn er nicht mehr konnte, so fraß Carter umso mehr.

*          *          *

Wie ein jeder Tag an welchem ein Bankier eintraf, war auch dieser ein regnerischer und so stellte der Kapitalsbeamte sich begleitet von seinem Regenschirm vor die feuchten, schimmernden Überbleibsel von Patroklos‘ Amphore.

            Wären Cosimo und Carter näher dem Theater gewesen, hätten sie sich nicht unterhalb der schützenden Markise einer Currywurstbude verborgen, so hätten sie hören können, wie der Bankier das Theater verdammte; wie er fluchte und klagte und natürlich, wie er alles konsequent und prinzipiell besser wusste als alle anderen, eigentlich immer. Er glaubte zumindest sicherlich an die Wahrheit dieses Pseudofactums.

            „Was für ein widerwärtiges Drecksloch“, zischte er und zündete sich eine Zigarette an. „Dass das überhaupt jemand haben möchte.“

            Der Bankier wandte sich an einen der Bauarbeiter, welcher ihnen begleitete. „He!“, jaulte er auf. „He, Sie da!“

            Der Bauarbeiter deutete mit dem Finger auf sich selbst als würde er fragend sagen: Ich?

            Der Bankier rollte entnervt seine Augen und aschte auf den Boden. „Ja, Sie! Wer denn sonst – oder spreche ich italienisch oder was? Kommen Sie mal her, avanti, avanti!“

            In trägen Schritten tuckerte der Bauarbeiter in Richtung des Bankiers.

            „Worauf warten wir gerade eigentlich? Ich habe auch nicht den ganzen Tag, wissen Sie?“

            Der Bauarbeiter wirkte eingeschüchtert – nicht vom Bankier selbst, nein, sondern vom Gespräch mit einem Vorgesetzten. „Wir überprüfen gerade noch einmal die Sicherheit des Gebäudes“, erklärte dieser mit einem zitternden Unterton.

            „Sie meinen die anderen machen das. Sie stehen hier gerade einfach nur rum, so wie ich das sehe.“

            „Ich – ich warte auf die anderen. Wir warten auf die anderen. Es gehen nicht alle auf einmal rein. Da wartet auch noch Jochen und Thomas und–“

            Der Bankier qualmte dem Bauarbeiter desinteressiert seinen letzten Zug Zigarettenrauch ins Gesicht und schmiss diese auf den Boden, davon ausgehend, der Regen würde der Glut ein jähes Ende bereiten. Kein Zündeln, kein gar nichts – der Regen macht das schon für ihn. Er wandte sich dem Theater zu und sah die Arbeiter, den Proletentrupp, hinaustreten.

            „Na, wird aber auch Zeit!“, schimpfte er. Die Bauarbeiter missachteten seinen Ton.

            „Das Gebäude ist nicht sicher“, erklärte der Leiter der Gruppe. „Das wird nichts.“

            „Was meinen Sie, das wird nichts?“

            „Das gesamte Theater kracht uns allen auf die Köpfe, so einfach ist das. Termiten, schätze ich mal. Das macht keine Bauarbeiten mit.“

            „Ich darf doch wohl bitten, wofür werden Sie eigentlich bezahlt?“

            Der Bauarbeiterchef zuckte gleichgültig seine Schultern. „Gehen Sie doch rein und machen den Scheiß selbst – kein Geld der Welt ist das wert. Wir gehen jetzt.“

            Der Bankier wurde rasend – sein schönes Geschäft! „Dem Teufel werden Sie tun!“, schimpfte er aufmüpfig. Ein Kind, das ohne Schokolade aus dem Geschäft geht. „Sie hören mir jetzt mal gut zu, Sie Taugenichts! Ich sage Ihnen, was Sie jetzt tun werden. Sie werden–“

            Die Tirade des Bankiers wurde von einem tosenden, plötzlichen Krachen unterbrochen. Das Dach brach entzwei und riss alles unterhalb von diesem mit sich. Die Holzpfähle knackten und knisterten, wie Knochen im Krematorium. Die Wände barsteten und lösten sich in Rauch auf als stünden sie in Feuer – und binnen kurzer Zeit, doch spürbar noch Stunden, Jahre später, diesmal nicht vom Großstadtregen verwaschen, hinterließ Patroklos‘ Amphore nichts außer einen Haufen von Schutt und Asche; eine schlecht erhaltene Antiquität.

            Der Bankier schaute sprachlos auf die Reste von etwas, das nie ihm gehörte und die Bauarbeiter zogen von dannen.

            Carter verspürte eine solche Wulst von Gefühlen, eine Krux so verworren, nie im Leben könnte er sie dechiffrieren – und Cosimo lief eine vereinzelte Träne über sein pelziges Gesicht, welche der einzig mögliche Ausdruck einer ganz unendlichen Leere war, doch war diese schnell vergangen.

            „Patroklos‘ Amphore“, sagte er, „war nicht nur unsere Heimat, Carter, sondern unsere gesamte Kultur, wenn man so möchte.“

            Sein Bruder verstand nicht, doch nickte er dennoch.

            „Es ist nicht das Recht anderer, uns dieser zu enteignen. Sie können sich Haare und Köpfe spalten so viel sie wollen, ich würde immer und immer wieder das Theater über ihren Köpfen zusammenkrachen lassen, wenn sie es doch so dringend haben möchten.“

            Nun verstand Carter und er nickte erneut, diesmal aufrichtiger.

            „Das wichtigste von Patroklos‘ Amphore sind wir.“ Das Rattengespann schaute optimistisch auf.

            „Und nun?“, fragte Carter.

            „Suchen wir uns eine neue Amphore für Patroklos.“

            Die beiden huschten auf und rannten durch die Straßen ihres Viertels, mit nichts außer einander und dem, was vom Tage ihrer Geburt an ihnen gehörte.

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