Fliegenschwarm

Mein Zimmer ist überwuchert von Fliegen und es erschließt sich mir nicht, warum. Es liegt nicht einmal der Duft von Verwesung in der Luft.

Zunächst war es nur eine. Eine einzige Fliege. Und ich ließ sie sein.

Eine Fliege, sagte ich mir. Die kommt und die geht auch wieder. Aber nein, sie blieb. Ihr folgten weitere. Zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Fliegen. Sieben an der Zahl.

Das sind nicht viele, sagte ich mir diesmal. Sieben Fliegen, das sind nicht viele. Doch war das falsch, sobald man begann es in Perspektive zu setzen. Ich bekam Lampenfieber. Jede meiner Bewegungen stockte, mein Atem wurde schwer und ich badete in meinem eigenen Schweiß – doch nicht etwa wegen sieben Fliegen. Nein, wegen eines Publikums von Tausenden! Denn es waren nicht sieben Fliegen, welche mich beobachteten, nein – es waren 21.000 Augenpaare. Ja, in der Tat, es waren 42.000 Augen.

Das Facettenauge der Fliege besteht aus 3000 separaten Sehorganen, wodurch jede Fliege 6000 an der Zahl hat, was bedeutete, es lagen 42.000 kumulierte Augen vor, bei insgesamt sieben Zuschauern, was sich wiederum in 21.000 Augenpaare rechnete. Das ist ein Publikum, welches in seiner Zahl den Vatikan übersteigt und es bräuchte nur fünf weitere Fliegen, um die Population Liechtensteins zu übersteigen! Ich bin mir sicher, kein Mensch vor mir führte je einen Akt vor einem Publikum dieser Größe auf.

Was die Fliegen wohl über mich dachten? Welche Kritiken sie im Kulturteil ihrer tagtäglichen Lektüre wohl hinterließen, über das Stück, welches sich mein Leben schimpfte?

Doch musste es gut sein, ja, denn nun waren es acht, neun, zehn, elf, zwölf Fliegen, welche meinem Spiel beiwohnten! Wir überholten Liechtenstein, 36.000 Augenpaare! Oh, dieser Erfolg – ich wusste doch nicht einmal, ob ich ihm gerecht wurde. Eine Berühmtheit wie ich es in diesem Moment war, die Welt erblickt sie nur selten – und just in diesem Moment erblickten sie 36.000 Augenpaare.

Doch dann wurden es mehr. Zu viele, beinahe. Vierzehn, achtzehn, zweiundzwanzig, sechsunddreißig Fliegen, welche meinem Spiel beiwohnten. 108.000 Augenpaare mit einem Mal! Zu viele, nicht genug! Dreiundfünfzig, sechsundsiebzig, hundertacht, hunderteinundfünfzig. 453.000 Augenpaare. Wie viele mussten mich nur um meinen Erfolg beneiden? Dreihundertzweiundvierzig, siebenhundertachtunddreißig, eintausendzweihundertsieben, eintausendachthundertsechsundsiebzig. 5.628.000 Augenpaare! Ich war weltberühmt, das war mein Durchbruch! Dreitausendsechshundertzweiundachtzig, siebentausendfünfhundertachtundzwanzig, zehntausendsechshunderteinundneunzig, siebzehntausendfünfhundertfünfundfünfzig. 52.665.000 Augenpaare! Aufhören! Zu viele!

Meine Wände sind schon schwarz, wo auch immer ich hinsehe, sehe ich Fliegen. Schwärme von Fliegen! Wie kann ich eigentlich noch zählen? Wie sehen sie sich dieses Stück nur an? Dieses Programm? Sie beobachten mich nur beim Zählen und Rechnen und Zählen und Rechnen und wie sind die Kritiken? Was denkt mein Publikum? Bei Gott, mir ist der Erfolg zu Kopfe gestiegen! Ich biete ihnen eine Show, ja, ich biete ihnen eine Show! Ich gebe ihnen etwas vom guten alten Bambosh, vom Razzmatazz, dem Bugaboo, Mumbo-Jumbo, Taradiddle! Das, was ein jedes Publikum sehen will, ja.

Sowas hat die Welt noch nicht gesehen, ich bin der größte Künstler aller Zeiten, ein Unikat, so etwas wie mich gab es noch nie und wird es nie geben, weshalb mir mittlerweile 68.214.000 Augenpaare zusehen, also insgesamt 136.428.000 separate Sehorgane! Ich werde das Tanzbein schwingen und Verse singen, Präsente bringen und durch Feuerreigen springen! Ich werde das Ultimatum der Unterhaltung aufführen, ein Gesamtkunstwerk der Superlative, ein – erst da bemerkte ich ihn. Der Braten, welchen ich vor zwei Wochen gegessen habe. Ich vergaß die Reste wegzuwerfen – und meine Welt brach entzwei. Es war nicht ich, dem der Fliegenschwarm galt. Es war nicht ich, den die Kritiken lobten. Es war nicht mein Leben, das den Akt des Schauspiels darstellte – nein, ich und alles was mich betraf, war einzig und allein ein Nebenprodukt des Bratens im Spotlight.

Ich brach zusammen.

IHR UNGETÜMER!, schrie ich den Fliegenschwarm an. IHR EGOISTISCHEN, EIGENNÜTZIGEN, VERBLENDETEN UNGETÜMER! Seht ihr nicht, was ich getan und gegeben habe, um euch zu unterhalten? Seht ihr nicht, dass ihr es seid, die mein Leben mit Licht erfüllen? Ja, erkennt ihr denn nicht, dass ihr mir alles bedeutet? Wie könnt ihr es wagen, mich als unbedeutendes Unding abzutun? Wie könnt ihr mein Schauspiel nur ignorieren, wenn ich doch tanze und singe, nur weil ihr wollt, dass ich springe? Wie könnt ihr nur? Ich weinte und weinte, und schrie und heulte, für Stunden im Akkord – und bald schon beobachtete mich keines der Augenpaare mehr. Mit einem Schlag sank die Zahl auf null. Ich war mein eigenes, unnützes Ding, in meinem eigenen, unnützen Mikrokosmos – und wenn es nur eine Wahrheit in dieser Welt gab, so war es diese.

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