Tensil Town

Sechs Wochen sind mittlerweile vergangen, seitdem mein bester Freund Will gesichtet wurde. Es ist nicht ungewöhnlich, beinahe natürlich, dass ein 13-jähriger für ein paar Tage von Zuhause flüchtet, doch bei solch einer Zeitspanne schlagen die Zeitschriften natürlich Furore. Wir sind eine kleine Gemeinde, hier passiert nicht viel. Solch ein Ereignis – nun ja, auf einmal fühlen sich alle involviert. Es gibt kein anderes Gesprächsthema mehr.

            Mehrfach wurde ich bereits von der Polizei, meinen Mitschülern, Nachbarn, all solchen Leuten befragt, ob ich denn nicht irgendetwas wisse, so als sein bester Freund, doch war ich nicht weniger ratlos als alle anderen auch. Ich wusste, dass Will Probleme bei sich Zuhause hatte. Seine Mutter war alleinerziehend und die beiden hatten keine sonderlich gute Beziehung miteinander. Ich wusste, dass er die Schule verabscheute und sie für nutzlos befand. Als Ausbildungsstelle für Bürohengste, beschrieb er sie. Er ist ein sehr eigener Mensch. Wenn es nach Will ginge, wäre er auf ewig 12 geblieben, denke ich.

            Sechs Wochen. So lange war er fort und so lange dauerte es, bis ich einen Zettel auf meinem Schreibtisch fand:

Komm nach Tensil Town. Alleine. Sag   niemandem, wo ich bin.

Will

*          *          *

Ich kannte Tensil Town. Eigentlich jeder hier tat es und es war immer mal wieder Gesprächsthema. Wie gesagt passiert in einer Gemeinde unserer Größe nur so und so viel, weshalb auch kuriose Ereignisse aus der Vergangenheit ab und an aufgegriffen werden.

            Tensil Town war eine ehemalige Roadside Attraction in Form eines Vergnügungsparks nahe unserer Kleinstadt, welche das Leben im wilden Westen simulierte. Mit Schießereien zwischen Männern in Cowboy-Kostümen, einem Restaurant im Saloon Design, dem gestellten Hängen von Ganoven am Galgen, einem Fotografiestand samt Verkleidungen, einem Geisterhaus namens Haunted Hotel sowie ein Streichelzoo und dem namensgebenden Tensil Train, welcher stündlich den Park umkreiste. Als Kind gab es keinen schöneren Ort auf dieser Welt, doch war diese Zeit nun mal vorbei.

            Irgendwann schloss Tensil Town seine Pforten. Roadside Attractions leben von Touristen, nicht von den Kleinstädten nebenan, und diese verschwanden mit der Zeit. Kein Tourismus, kein Geld, kein Tensil Town – vorerst, zumindest. Mister Russel, ein lokaler, als Exzentriker bekannter Geschäftsmann, kaufte den Park und eröffnete ihn erneut, wenn auch mit einigen Neuerungen. Neben der wilder Westen Thematik nutzte Mister Russel Tinsel Town nun gleichermaßen als Ausstellungsort für von ihm gesammelten Kuriositäten. Erworbene Filmrequisiten, Clown-Figurinen, außergewöhnliche Puppen – sowas halt.

            Selbstredend hielt sich der Park nicht lange und machte somit wieder dicht. Mister Russel hat das offensichtlich nicht verkraftet. Er schloss sich in seinem eigenen Park ein und begann die Fassaden mit Farbbomben einzudecken. Ein harmloser Anfang, welcher bald eskalieren sollte, doch ist das Folgende alles nur Hörensagen von Passanten. Klatsch und Tratsch in der Gemeinde. Demzufolge soll Russel begonnen haben, Regale aus ihren Verankerungen zu reißen, Attraktionen mit einem Beil einzuschlagen, Whiskeyflaschen, welche er zuvor im Akkord leertrank, auf dem Boden zu zerschmettern und die Fensterscheiben mit Ziegelsteinen zu zertrümmern. Der Wahnsinn fand ein Ende mit einer Zeitungsannonce Russels:

NEHMT EUCH, WAS IHR KRIEGEN KÖNNT

Hiermit verkünde ich Tensil Town endgültig, ein für alle Mal, zu schließen. Ich weiß, wie viel dieser magische Ort den hiesigen Anwohnern bedeutet. Es tut mir leid, Ihnen falsche Hoffnungen gemacht zu haben. Die Hoffnung, dass Tensil Town bleibt. Dass die künftigen Kinder dieselbe Magie erfahren können, wie die heutigen, welche Tensil Town mit ihren eigenen,

jungen Augen sahen. Ich möchte somit insbesondere um die Verzeihung der Kinder bitten. Für sie war Tensil Town gedacht. Dieser Ort ist nur noch Schutt und Asche.  Nehmt euch, was ihr kriegen könnt. Alles, was in Tensil Town steht, gehört nun einem Jedem, der es haben möchte.

M. Russel

Niemand weiß, was seitdem aus ihm geworden ist, doch der Park wurde geplündert – und seitdem steht er leer als Relikt einer einstigen, schönen Kindheitserinnerung.

*          *          *

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal hier war. Vielleicht mit etwa sieben Jahren, so um und bei, doch glich Tensil Town, wie es in diesem Moment vor mir stand, der einstigen, warmen Erinnerung an diesen Ort nicht einmal im zynischsten aller Ansätze. Das einst einladende Plakat oberhalb des Parkplatzes, welchen eine jede Roadside Attraction aufzuweisen hat, ist abgeblättert und verblasst. In großen, verwaschenen Lettern stand weiterhin „Tensil Town“ an ihm geschrieben, und genauso wie das im Hintergrund befindliche Motiv des berüchtigten Zuges, dem Tensil Train, waren diese verstaubt, verdreckt, verkommen. Eine Beschreibung, welche ich bei näherer Beobachtung dem gesamten Park zuweisen könnte. Der Gedanke, dass Will freiwillig für sechs Wochen hier verweilte, ließ mich schaudern.

            Ich stellte mein Fahrrad ab und begab mich zum Eingang des Parks. Keine Spur von Will. Ich fragte mich, wie ich ihn überhaupt finden sollte, doch musste ich das gar nicht.

            „Vier Erwachsene, zwei Kinder?“, hörte ich eine Stimme hinter mir. In der Ticketschalterkabine stand Will – und er sah keinen Tag anders aus. Seine Haare waren nicht etwa fettig und durcheinander, sondern schienen gewaschen und gepflegt. Seine Klamotten waren nicht etwa verschmutzt und mit Löchern versehen, sondern wirkten so als hätte man sie gerade erst frisch gebügelt und angezogen. Nicht einmal ein unangenehmer Gestank ging von ihm aus, welcher nach sechs Wochen ohne duschen eine Selbstverständlichkeit sein müsste. Nein, Will sah genauso aus, wie ich ihn immer in Erinnerung hatte. Niemand würde bei seinem Anblick vermuten, dass dieser Junge nun seit eineinhalb Monaten als verschollen galt.

            „Das hat der Typ am Schalter immer gefragt, weißt du noch?“, sagte er.

            Ich nickte. „Mein Dad sagte immer, der hätte eine so strenge Fahne, es sei eine Zumutung, ihn in einem Park für Kinder arbeiten zu lassen“, ergänzte ich. „Aber damals wussten wir noch nicht, was das bedeutet.“ Will nickte.

            „Wie geht es dir?“, fragte ich. Mir fiel nichts Besseres ein. Was sagt man zu einer Person, welche für sechs Wochen in einem Freizeitpark lebte?

            „Mir ging es nie besser“, antwortete er. „Komm mit, ich will dir den Park zeigen.“

            „Den Park zeigen?“, fragte ich sichtlich irritiert. Was sollte es in dieser Müllhalde noch zu sehen geben.

            „Natürlich. Er gehört jetzt mir – und du wärst erstaunt, was es hier alles zu sehen gibt! Ich meine, welches Kind träumt nicht davon seinen eigenen Freizeitpark zu haben? Viel näher kommen wir dem Paradies in diesem Leben auch nicht mehr.“

            Ich grübelte eine Weile, unwissend, was ich davon halten sollte, doch stimmte ich letztendlich zu. Ich verstand uns nicht mehr als Kinder, auch diese Zeit ist irgendwann mal vorbei. Mir war unklar, was in Will gefahren ist. Vielleicht hatte er sowas wie eine manische Episode, dachte ich mir, und drehte deswegen jetzt am Rad. In diesem Fall wäre es klug, etwas mitzuspielen. Ich kam her, um ihn wieder nach Hause zu holen, ihn zu Sinnen zu führen – und das erforderte Fingerspitzengefühl, soweit ich das beurteilen konnte.

*          *          *

Will führte mich zunächst in den ehemaligen Souvenirladen, welcher sowohl das erste als auch das letzte war, was man sah, wenn man den Park betrat. Wer nicht dem Eindruck unterlag, bei Tensil Town würde es sich um eine Geisterstadt handeln, würde seine Meinung spätestens jetzt ändern.

            Die Außenwände des Gebäudes waren übersät von einer erratischen Menge explodierender Farbflecke, entstanden im Wahnsinn des Mr. Russels. Das Gebäude selbst war aufgebaut wie ein klassisches Haus des wilden Westens, versehen mit einem Holzdach über dem Eingang und dem klassischen, durch dekorative Serifen geprägten Schriftaufzug am oberen Ende des Gebäudes, welcher in diesem Fall „Surplus Souvenirs“ besagte. Alles hier war in Alliterationen geschrieben. Die Scheibe der Tür war zerschlagen, ob von Plünderern oder Mr. Russel selbst, und mit einem Griff durch diese erfasste Will die Klinke von innen und verschaffte uns somit Eintritt.

            „Nach dir“, sagte er mit einer einladenden Geste und ich betrat den Laden.

            „Ein trauriger Anblick“, stellte ich fest. Unmengen an Postkarten, welche das Motiv des Plakats am Parkplatz teilten, waren am Boden zerstreut. Die Regalplatten, auf welchen sich früher Cowboy-Statuen, Puppen und dergleichen sammelten, wurden aus ihren Halterungen gerissen und zweigeteilt. Auf dem Tresen stand eine einsame, angebrochene Flasche Whiskey. „Russels Fusel?“, fragte ich und drehte mich zu Will um. Mit verschränkten Armen stand er im Türrahmen und zuckte mit den Schultern.

            „Denke schon“, erwiderte er. „Respektlos, wie hiermit umgegangen wurde, oder? Macht mich wütend, wenn ich das sehe.“

            Ich nickte. „Mich auch.“

            „Aber es ist nicht alles schlecht. Komm mit.“

            Will verließ den Souvenirladen und ich war im Begriff ihm zu folgen. Auch wenn ich der Idee eines Freizeitparks längst entwachsen war, überfiel mich eine gewisse Nostalgie, beim Anblick dieser…dieser Ruine. Gerade als ich hinaustreten wollte, blieb ich stehen – und ich drehte mich ein letztes Mal um.

            Etwas knisterte im Laden. Eine Ratte, dachte ich mir. Oder zumindest etwas in der Richtung. Ein Geräusch wie kleine Krallen auf dem Parkett. Es knisterte.

            „Kommst du?“, hörte ich Will rufen.  Das Knistern hörte auf.

            „Wohin jetzt?“, fragte ich.

            „Pets Paradise.“

            „Der Streichelzoo? Was soll es da bitte zu sehen geben?“ Wenn auch die Attraktionen sich nicht verselbstständigen würden, ging ich davon aus, zumindest die Tiere würden es tun. Solange es kein Essen gibt, gibt es folglich auch nichts, was sie hier halten würde.

            „Betty“, antwortete Will.

            Ich hielt an. „Verarsch mich nicht, man.“

            Betty war die womöglich kurioseste aller Sehenswürdigkeiten in Tensil Town. Ein Kalb, welches mit sieben Beinen geboren wurde, von welchen nur drei funktionierten. Will und ich hatten stets eine besondere Faszination für sie; wir hatten ein Herz für alles, was nicht der Norm entsprach. Es passte zu uns. Die Neuigkeit, sie würde sicherlich nicht alt werden, verstörte uns als Kinder maßgeblich, doch akzeptierten wir es irgendwann als Lauf der Dinge.

            „Tue ich nicht. Sie ist noch hier, nie fort gegangen. Ist einfach ihr Zuhause, denke ich mal.“

            Ich rannte los. Will musste mir nichts an diesem Ort, diesem eigentlich wirklich magischen, glücklichen Ort, zeigen. Ich wusste alles noch! Wie könnte ich es auch vergessen?

            Er hatte recht. Da stand sie auf drei Beinen, inmitten des eingezäunten Streichelzoos, alleine grasend. Die vier funktionsunfähigen Beine sind mit der Zeit nicht gewachsen, sie baumelten in derselben Größe wie damals von ihrem Körper herab. Ansonsten war Betty mittlerweile tatsächlich eine ausgewachsene Kuh – ich konnte meinen Augen nicht trauen. Ich streichelte ihr über den Rücken, wie ich es tat als ich noch ein Kind war – und sie auch.

            „Beeindruckend, nicht?“, sagte Will, während er in unsere Richtung schlenderte.

            „Wie hat sie bloß überlebt?“, fragte ich. Erneut zuckte er mit den Schultern. „Ich wollte schon immer, dass sie es schafft“, sagte er als würde das irgendwas erklären.

            „Es ist ein Wunder“, murmelte ich vor mich hin. Eine ganz unfassbare Euphorie überfiel mich.

            „Und das hier ist ein wundervoller Ort“, erwiderte Will. Über sein Gesicht breitete sich ein warmes, beinahe kindliches Lächeln aus. „Es freut mich, dass es dir gefällt. Aber komm, ich muss dir noch mehr zeigen, du kannst Betty später noch streicheln.“

            Will drehte sich um und ich folgte ihm. „Warst du jemals im Geisterhaus hier?“

            „Frag nicht so doof. Du weißt, dass unsere Eltern uns da nie reinlassen wollten.“

            Will grübelte für einen Moment. „Habe ich wohl vergessen. Ist aber auch egal, jetzt siehst du’s mal.“

            Ich war aufgeregt, in aller Ehrlichkeit. Ja, ich hatte in der Tat Spaß. Spaß, wie ich ihn zuletzt hatte als wir im Kindesalter hier waren. Es fühlte sich so vertraut wie fremd an. Ich hatte so viel Spaß, dass ich beinahe vergaß, wofür ich hier war.

            „Sag mal, was isst du eigentlich, Will?“, fragte ich.

            „Was meinst du?“

            Ich hielt an. „Du bist seit sechs Wochen hier. Irgendwas musst du doch essen.“ Will blieb ebenfalls stehen.

            „Sechs Wochen?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, das kann nicht sein. Du irrst dich.“

            „Nein“, antwortete ich nun in einem weitaus ernsterem Ton. „Du giltst seit sechs Wochen als verschollen. Glaub mir. Die ganze Stadt redet darüber.“ Für eine Weile sah er mich einfach nur an, mit einer Miene unendlicher Leere. Es war als versuchte sein Verstand eine Verbindung zwischen zwei Punkten herzustellen, welche für ihn einfach nicht da waren.

            „Na ja“, sagte er schlussendlich. Sein Blick war weiterhin so unendlich leer – und er zuckte einfach nur mit den Schultern. „Hier gibt es Essen.“ Er warf mir ein weiteres Lächeln zu. Kein warmes, kindliches Lächeln wie zuvor, sondern eines, wie ich es nur aus Jack Nicholson-Filmen kannte. Will drehte sich um und begab sich wortlos in Richtung des Haunted Hotels.

*          *          *

Das Haunted Hotel war so abseits der Thematik des Parks, dass es mir schwerfiel zu glauben, irgendjemand könnte sich hierin tatsächlich fürchten. Die pappige Fassade war in einem Olivgrün bemalt, auf welcher im gelben Pinselstrich der Name der Attraktion stand. Die obersten Fenster des Hauses waren als grimmige Augen gemalt und die restlichen waren nichts als angemalte Gitterstäbe. Es wirkte wie eine Persiflage aus einem Cartoon der 60er, doch nicht etwa wie ein Geisterhaus.

            Will wartete am Eingang. „Nach dir“, sagte er ein weiteres Mal und so ging ich hinein.

            Die Bretter des Hauses knarzten unter meinen Füßen und eine allgegenwärtige Finsternis umgarnte mich.

            „Na los, geh“, hörte ich Will sagen, ohne ihn wirklich sehen zu können.

            Die Gänge des Geisterhauses waren schmal, um eine klare Route vorzugeben.

            „Ist das denn auch sicher?“, fragte ich.

            „Natürlich.“

            Ich ging voraus. Langsam, Schritt für Schritt. Knarzen für knarzen. Es waren nur meine Schritte, die ich hörte.

            „Kommst du auch mit?“, fragte ich.

            „Bin direkt hinter dir“, hörte ich Will sagen. Seine Stimme war nahe. Ich konnte förmlich seinen Atem spüren. Es war unglaublich, wie leise er sich bewegte. Ich hörte nur mich. Nur mich und dieses Knistern, wie schon im Souvenirladen. Ratten. Ich ging weiter.

            Schritt für Schritt.

            Knarzen für knarzen.

            Und dann – schrie ich auf. Etwas packte mich, es zog mich heran und ich spürte, wie mein Rücken sich gegen eine Reihe von Metallstäben presste! HAB ICH DICH, hörte ich eine verzerrte Stimme hinter mir sagen, gefolgt von einem düsteren Lachen, wie ich es noch nie zuvor gehört habe.

            „Will!“, schrie ich auf. „WILL, HILFE!“ – und dann löste sich der Griff. Ich fiel zu Boden. Mein Atem stockte. Herzrasen. Will lachte auf. Er zückte eine Taschenlampe und richtete sie hinter mich. Zwei gummiartige Hände ragten aus einem Gitter hervor, hinter welchen eine Puppe lauerte, die einen bärtigen Gefängnisinsassen darstellen sollte.

            „Du blödes Arschloch“, fauchte ich Will an – und er lachte einfach nur weiter.

            „Das ist ein Geisterhaus – was hast du bitte erwartet?“

            „Dass es außer Betrieb ist“, antworte ich und kam wieder auf die Beine. Will machte das Licht aus. „Wie funktioniert das überhaupt noch? Der Ort hat doch längst keinen Strom mehr“, sagte ich. Keine Antwort.

            „Will?“, fragte ich.

            „Es funktioniert noch, weil ich will, dass es das tut“, antwortete er in einer grotesk ernsten Stimmlage. Als sei der letzte Streich noch nicht genug gewesen. „Und jetzt geh weiter – gleich kommt mein Lieblingsraum.“

            Am Ende des Ganges erkannte ich ein schwaches, purpurnes Licht. Es führte mich zu einem Raum, versehen mit der Überschrift „Clown’s Cabinet“. Im Begriff diesen zu betreten, sah ich, wie Will bereits in dessen Zentrum stand. Mir stockte der Atem.

            „Wie bist du vor mir hierhergekommen?“, fragte ich.

            Erneut dauerte es, bis eine Antwort erfolgt. Zwei Punkte, welche für ihn einfach nicht da waren.

            „Ich kenne eine Abkürzung“, sagte er in einer Tonlage, welche so unglaubwürdig war, dass ich es für eine Lüge halten müsste, gäbe es nur irgendeine bessere Erklärung, doch die gab es nicht. „Schau sie dir an“, sagte er.

            Im schwachen Licht des Raumes erkannte ich die Silhouetten und Konturen einer Myriade kleiner Clownsfiguren – und wüsste ich es nicht besser, so hätte ich gedacht, all ihre Blicke richteten sich auf mich. Sie waren klein, groß, lebensecht, cartoongleich, dick und dünn, offensichtlich schaurig und süß, ordentlich sortiert auf einer Vielzahl von an den Wänden befestigten Holzplatten.

            „Weißt du eigentlich, warum Menschen Angst vor Clowns haben?“, begann Will. Ich schüttelte den Kopf.

„Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat menschlich genug auszusehen, als dass wir sie als solche verstehen, doch weichen sie gerade so genug davon ab, um sie gleichermaßen auch als etwas anderes zu betrachten. Sie sind eine Akzeptanzlücke – und das macht sie unheimlich. Etwas, das menschlich ist, aber gleichzeitig kein Mensch. Genauso wie Puppen, Wachsfiguren, Animatronics. Ja, sogar Zwillinge.“

            „Warum erzählst du mir das?“, fragte ich.

Menschlich.

Meine Stimme war leise.

Aber kein Mensch.

Ich hatte Angst. Bloße, aufrichtige Angst.

Will wandte sich zu mir um. Er kam mir auf einmal so viel größer vor als ich. Wir waren eigentlich immer auf einer Augenhöhe.

            „Einfach, weil ich es tierisch interessant finde“, erwiderte er, gefolgt von einem Schulterklopfen und demselben warmen Lächeln, wie er es mir zuvor im Streichelzoo schenkte.

            „Du siehst ziemlich blass aus. Gefällt dir das Haunted Hotel nicht?“

            Ich verstummte. Will beugte sich etwas hinab und unsere Augen trafen aufeinander. Sein Blick war geladen, nahezu statisch. „Es ist das älteste Geisterhaus in Amerika. Wusstest du das?“ Ein gewisser Stolz umgab ihn.

            Ich schüttelte den Kopf und schluckte. „Manchmal ist neu vielleicht einfach besser“, stotterte ich. Ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Wills Gesicht verzog sich. Sein Blick wurde intensiver.

            Es knisterte.

            Etwas prallte auf den Boden. Mein Blick wandte sich in Richtung des Geräusches, genauso wie Will. Einer der Clowns war heruntergefallen. Will hob ihn auf und stellte ihn sorgfältig ins Regal.

            „Dann geh doch schon mal raus, wenn’s dir hier nicht gefällt, Kumpel.“ Ein bitterer Unterton lag in seiner Stimme. „Wir treffen uns im Saloon, ja?“

            Ich gluckste, nickte, und spurtete aus dem Hotel. Es war mittlerweile dunkel. Wie lange war ich schon hier? Ich bin doch erst mittags hierhergekommen. Wir haben Sommer. Warum war es schon dunkel?

            Ich wollte nach Hause.

            Ich rannte los in Richtung des Eingangs. Ich rannte und rannte – und doch fühlte sich jeder meiner Schritte so langsam an.

            „Hey!“, hörte ich jemanden aufschreien. Es war Wills Stimme, genau rechts von mir. Ich drehte mich um. Er stand vor dem Saloon. „Nach dir“, sagte er. Ich schüttelte den Kopf.

            „Ich will nach Hause“, sagte ich.

            Will starrte mich angespannt an – und dann lockerte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Züge waren auf einmal so sanft. Er schlenderte in meine Richtung.

            „Ich hab dir Angst gemacht, was?“, sagte er. Seine Stimme war nun so viel weicher. „Tut mir leid, ich – hör mal, das war gemein. Ich wollte dir nur einen Streich spielen. Die Sache ist halt, nun ja–“, er fasste sich an den Hinterkopf, als müsse er ein weiteres Mal grübeln.

            „Das hier, das ist einfach nur so ein wundervoller Ort, verstehst du? Es ist mein Ort – und ich würde ihn einfach so gerne mit dir teilen.“ Er boxte mir leicht gegen die Schulter. „Du bist doch mein bester Freund, man.“

            „Will“, begann ich. Ich zitterte weiterhin. Meine Angst war nicht verflogen. „Das geht so nicht.“

            Er schaute mich irritiert an. „Was meinst du?“

            „Du – du kannst doch nicht ewig in diesem Freizeitpark leben! Du musst nach Hause, verstehst du das nicht? Das Leben geht weiter, wir können nicht ewig Kinder bleiben. Das alles hier ist verrückt, man. Es ist – es ist wirklich einfach nur verrückt.“

            Sein Blick festigte sich. Er wurde nahezu steinhart. „Nach Hause“, wiederholte er murmelnd. Sein Blick fixierte mich. „Nach Hause.“ Er kniff seine Augen zusammen und schüttelte seinen Kopf. Seine Zähne knirschten. Zwei Punkte. Keiner war für ihn da. Dann entspannte er sich.

            „Na gut“, sagte er. „Ich komme mit.“ Eine Erleichterung durchfuhr mich, wie ich sie nie zuvor in meinem Leben spürte.

            „Gut, dann lass uns–“

            „Unter der Bedingung“, unterbrach er mich, wobei er seinen Zeigefinger aufrichtete, „dass ich dir den Rest des Parkes zeigen kann.“

            Ein innerer Zwiespalt machte sich in mir breit.

            „Und danach kommst du mit?“

            „Danach komme ich mit.“ Das warme Lächeln.

            Ich stimmte zu.

*          *          *

„Ich hoffe, du hast Hunger und Lust auf etwas gute Musik!“ Will betätigte zwei Schalter rechts vom Eingang und der Saloon wurde vom Deckenlicht durchflutet. Am Ende des Raumes befand sich eine kleine Bühne mit Animatronics, welche mit der Betätigung des Schalters begannen zu spielen.

            „THE NAME OF THIS SONG IS: OLD MACDONALD!“, rief der Billy Bob Animatronic auf, gefolgt vom dementsprechenden Lied.

            „Ladies und Gentleman!“, jubelte Will. „Ich präsentiere Ihnen, The Rock-afire Explosion!“ Für einen Moment begutachtete ich die animatronische Band, während Will sich hinter den Tresen begab und etwas auf den Grill warf.

            Die Musik verzerrte sich durch das Rattern der mechanischen Bewegungen der Band und umso genauer ich hinhörte, desto nebensächlicher wurde die Musik.

            „Er sieht ziemlich mitgenommen aus, was?“, fragte ich.

            „Was meinst du?“

            „Na, Billy Bob. Hat schon bessere Zeiten gesehen. Im Vergleich zu damals, meine ich. Er ist einfach ziemlich… na ja, im Arsch halt.“

            In einem plötzlichen Rucken blieben die Apparaturen stehen – und die Musik verstummte. Ich hörte das Klirren eines Tellers.

            „Billy Bob spielt noch so gut wie am ersten Tag“, zischte Will mich an, worauf er mir mein Essen am Tresen hinstellte. „Iss einfach dein Steak.“

            Die Musik setzte fort.

            „Das ging aber schnell“, sagte ich, in der Hoffnung die Stimmung etwas zu lockern.

            „Vermute schon“, sagte Will.

            „Möchtest du nicht auch was essen?“

            „Hab schon.“ Er setzte sich gegenüber von mir.

            „Wo hast du das Fleisch eigentlich her?“

            „Der Tiefkühler lief noch.“

            „Und seit wann kannst du kochen?“

            Will starrte mich einfach nur an. Ein leerer, furchteinflößender Blick. Das Rattern wurde lauter. Etwas knisterte.

            „Du stellst ganz schön viele Fragen, Kleiner.“ Etwas ungemein Bedrohliches ging von ihm aus. Im Hintergrund lief Old MacDonald. „Genieß doch einfach mal deinen Aufenthalt hier.“ Er warf mir wieder dieses Jack Nicholson-Lächeln zu. „Das hier ist ein wundervoller Ort, weißt du?“

            Ich aß so schnell auf wie ich konnte. „Ist nebenan noch der Indoor-Minigolfplatz?“, fragte ich.

            „Natürlich.“ Meine Frage schien in Will eine ganz neue Begeisterung auszulösen. „Willst du etwa spielen? Schlagen wir gleich ein paar Löcher?“, fragte er.

            „Klar doch“, antwortete ich.

            „Wirklich?“, er sprang auf vor Freude. „Das ist…das ist ja fantastisch!“ Er ergriff meinen Teller. „Geh du schon mal vor und schnapp dir die Schläger, ja? Ich – ich spül das nur eben ab, okay?“ Er verschwand wieder hinter dem Tresen, während ich mich in den anderen Raum begab. Mit jedem Schritt folgten mir Billy Bobs Augen sowie die der restlichen Bandmitglieder.

            Es reichte mir. Am Ende des Minigolfplatzes war ein Eingang. Ich wusste nicht, was mit Will geschehen ist, doch musste ich nach Hause.

            Bestimmten Schrittes ging ich ans Ende des Raumes. Die Tür war offen. Die Minigolfbahnen fluoreszierten im Neonlicht der Decke. Einfach geradeaus, Schritt für Schritt. Gleich konnte ich weg. Ich würde zum Ausgang sprinten, mir mein Fahrrad schnappen und nach Hause fahren. Ich würde die Polizei kontaktieren und ihnen von Wills Aufenthalt berichten. Ich würde all das hier hinter mir lassen. Ich erhöhte mein Tempo. Die Tür war offen, in Sichtweite – bis eine Silhouette mir den Weg versperrte. Will.

            „Wohin geht’s denn, Kumpel?“

            „Ich–“, bedrohlichen Schrittes näherte er sich mir.

            „Wolltest du etwa nach Hause?“

            „Nein, ich, nun“, denk schneller!, „muss nur mal eben auf Klo!“

            Ich machte kehrt – und mein Atem blieb stehen. Auf den Strecken der Golfplätzen lagen kleine, pulsierende Schleimmengen, welche sowohl ein ausgeweidetes Schweineherz sein könnten wie auch eine überdimensionierte Made. Ich begann zu rennen. Vorbei an den Golfplätzen, in Richtung des Saloon-Ausgangs. Im Hintergrund lief Old MacDonald. Es ratterte. Will stand weiterhin am Tresen und säuberte den Teller. Sie sind eine Akzeptanzlücke. Ja, sogar Zwillinge, hallte es durch meinen Kopf. Ich rannte.

            „WOHIN GEHT ES DENN, KUMPEL?“, raunte Billy Bob. Ich sprintete aus dem Saloon, vorbei am Streichelzoo – und da lag sie. Mit einer Säge trennte Will – ein weiterer, ein dritter, vierter, wie viele waren es?! – eines von Bettys Beinen ab. „Hier gibt es Essen“, sagte er spöttisch. Der Boden war blutgetränkt. Mein Magen drehte sich mir um. Ich rannte instinktiv in die andere Richtung, an den Rand des Parks, bis ich das Pfeifen des Tensil Trains hörte. Vor mir befand sich ein Gleis, auf welchem drei Clowns lagen, jeweils eingekleidet in Damenkostüm des wilden Westens vom Fotografiestand.

            „Das hier“, begann der erste Clown, „ist ein“, setzte der zweite fort, „wundervoller Ort!“, beendete der Dritte, bis der Zug sie unterhalb seines Getriebes zerriss. Etwas packte mich von hinten. „HAB ICH DICH“. Ich riss mich aus den Pranken des Gefängnisinsassen. Eine weitere Kehrtwende. Ich wusste nicht wohin mit mir. Ich hatte Panik. Furcht. Angst um mein Leben. Ich rannte weiter. Einfach weiter. Vorbei am Saloon, in Richtung des Souvernirladens, zum Ausgang. Ich hatte es beinahe geschafft – bis Will aus der Ticketschalterkabine austrat.

            „Wir sind noch nicht fertig“, sagte er und lächelte mich schief an. Er hielt einen Minigolfschläger und umfasste ihn bestimmt mit seinen Händen. Ich bildete es mir nicht ein. Er war größer als ich. Mittlerweile sah er sogar älter aus. Verwahrloste Bartstoppeln waren in seinem Gesicht erkennbar. Seine Haare waren schmierig, zerzaust, als hätte man sie neun Tage, nein, sechs Wochen, länger vielleicht, nicht gewaschen, und seine Klamotten waren übersät mit Löchern und losen Maschen.

            „Lass mich gehen“, sagte ich. „Bitte, lass mich einfach gehen.“

            „Aber ich hab dir doch noch gar nicht alles gezeigt! Das Beste kommt zum Schluss.“ Er richtete seinen Golfschläger auf. Hinter mir befand sich eine gigantische Achterbahn – eine Attraktion, welche Tinsel Town niemals hatte.

            „Lust auf einen Ritt?“

            Ich fing an zu weinen, zu schluchzen – mein ganzer Körper war wie betäubt und dennoch spürte ich wie vehement ich zitterte. „Darf ich danach gehen?“, flehte ich. „Bitte, darf ich danach gehen?“

            Will, oder was auch immer das war, was auch immer er war, nickte mir zu. Ich stieg ein, schloss meine Augen für eine Sekunde, und als ich sie wieder öffnete, saß mein bester Freund neben mir. Wie ich ihn kannte. Wie ich ihn schon immer gesehen habe. Die Achterbahn fuhr los.

            Sie drehte ihre erste Runde. Ihre zweite. Dritte. Vierte. Ich habe aufgehört zu zählen.

            „Wann halten wir an?“, fragte ich, resigniert. Ich kannte die Antwort.

            „Wie soll ich das denn anhalten?“, sagte Will. Seine Stimme klang sichtlich bedrückt. „Hier sind nur du und ich“.

            „Hier sind nur du und ich“, wiederholte ich. „Eine Akzeptanzlücke“ – Will nickte.

            „Weißt du eigentlich, wie ich heiße?“, fragte ich ihn. Will sah mich an. Eine Träne lief ihm über die Wange. „Hattest du jemals das Gefühl, dein Verstand wolle zwei Punkte miteinander verbinden, welche einfach nicht da sind?“

            Die Achterbahn fuhr weiter.

*          *          *

DAS GEHEIMNIS UM TENSIL TOWN? ZWEITER JUNGE VERSCHWINDET

Nach dem Verschwinden des jungen Will R. gilt nun auch dessen bester Freund als unauffindbar, wie die Eltern von diesem berichten. Ein im Zimmer des   verschollen Jungen gefundener Zettel   berichtet vom Aufenthalt des Will R. im ehemaligen Vergnügungspark Tensil Town. Die Polizei geht davon aus, der Verschollene beabsichtigte seinen besten Freund dort

aufzusuchen, im Unwissen der Eltern. Eine Durchsuchung des Parks seitens der Polizei brachte keine Resultate, doch berichten Passanten von der Sichtung zweier Jungen und eines älteren Herrn, welche durch den Park zu flanieren scheinen. Bei näheren Informationen wenden Sie sich bitte an die Polizei.

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