Der Kunde

Einen Artikel nach dem anderen zog die Kassiererin übers Kassenband. Die Schlange hinter dem Kunden war sichtlich genervt und übte sich in deutscher Ungeduld aufgrund der beachtlichen Menge an Waren, welche der irritierende Mann an der Kasse zu kaufen beabsichtigte.

            „Guten Tag“, sagte der Kunde zur Kassiererin, welche weiter Artikel einscannte und mit einem seichten Lächeln reagierte.

            „Ich war seit drei Monaten nicht mehr draußen“, sagte er, worauf die Kassiererin mit einem einfachen „Schön“ antwortete. Ihrer Einschätzung zufolge war der Mann sichtlich nicht bei klarem Verstand und so versuchte sie jeder Konversation aus dem Weg zu gehen.

            „Das macht 117 Euro und 36 Cent“, sagte sie. Der Kunde schaute sie irritiert an.

            „Ich sagte, das macht 117 Euro und 36 Cent“, wiederholte die Kassiererin.

            „Was dauert denn so lange?“, wollte ein dicklicher Mann mit Basecap, Polohemd und Schnauzer innerhalb der Schlange wissen – das menschliche Pendant zu einer Bratwurst.

            „Ich – ich glaube, sie verstehen nicht“, sagte der Mann an der Kasse verängstigt. „Ich war seit drei Monaten nicht mehr draußen“, wiederholte er.

            „Das habe ich sehr wohl verstanden“, antwortete die Kassiererin.

            „Ich – ich glaube nicht“, beharrte der Kunde. „Das heißt, ich war auch seit drei Monaten nicht arbeiten. Ich habe kein Geld.“

            Die Frau an der Kasse rollte entnervt ihre Augen. Eine Reaktion, welche nur zustande kommen kann, wenn man es bereits gewohnt ist, mit den absonderlichsten aller Personen in Berührung zu kommen und jegliches Mitleid, vielleicht sogar jegliche Empathie, für diese aufgebraucht ist.

            „Dann kann ich Ihnen auch nichts verkaufen. Tut mir leid.“

            „Aber ich bin doch der Kunde“, sagte der Kunde. „Und Kunde ist König“, ergänzte der König.

            Die Kassiererin schüttelte gleichgültig doch verneinend den Kopf und drückte unauffällig einen Knopf unterhalb der Kasse. Innerhalb weniger Sekunden würden die Sicherheitsleute auftauchen und den Kunden aus dem Laden entfernen.

            „Schmeißen Sie den Irren doch endlich raus, Mensch!“, maulte die Bratwurst.

            „So funktioniert das leider nicht“, versuchte sie dem Kunden zu erklären, welcher ganz offensichtlich nicht verstand – doch hatte er hierfür auch gar nicht mehr die Zeit. Die Sicherheitsleute kamen, griffen ihn an den Armen, sagten „Kommen Sie mal mit“ und entfernten den Kunden aus dem Laden, welcher dies einfach mit sich geschehen ließ. Eine Weile stand er vor dem Eingang des Ladens – und dann versuchte er wieder reinzugehen. Die Sicherheitsleute blockierten ihm den Weg.

            „Hey, hier gehts nicht mehr rein, Kollege.“

            „Aber ich bin doch der Kunde“, sagte der Kunde. „Und Kunde ist König“, ergänzte der König.

            „Nicht bei uns“, antworte die Security. „Und jetzt zieh Leine – oder wir holen die Polizei.“ Doch zog der Kunde nicht Leine – und sie holten die Polizei.

„Name?“, fragte der Polizist. Genauso wie die Sicherheitsleute, wussten die vermeintlichen Gesetzeshüter nichts mit dem Kunden anzufangen und so unterzogen sie ihm einem Verhör als „Standardprozedur“ unter dem Vorwand einer potenziellen Gefährdung der Allgemeinheit.

            „Der Kunde“, antwortete der Kunde.

            Der Polizist legte resigniert seinen Stift auf den Tisch und warf seinem Verhörskollegen einen genervten Blick zu.

            „Nein – ihr richtiger Name.“

            Der Kunde kniff verständnislos seine Augen zusammen. „Das ist mein richtiger Name“, sagte er. Der Polizist ignorierte die Aussage.

            „Haben Sie einen Ausweis dabei?“

            „Ich habe keinen Ausweis“, sagte der Kunde.

            „Sind Sie denn überhaupt von hier?“, fragte der Polizist, worauf der Kunde nickte. „Ich wurde in Deutschland geboren“, stellte er klar.

            „Und warum haben Sie dann keinen Ausweis?“

Dem Kunden schien diese Frage offenkundig außergewöhnlich dumm, weshalb er schlicht und ergreifend sagte: „Weil ich keinen Ausweis habe“. Ganz einfach.

            Die Polizisten tauschten frustrierte Blicke aus. Auch sie hatten es tagtäglich mit den absonderlichsten aller Personen zu tun und ohne sich jemals ein tatsächliches Verständnis über diese verschafft zu haben, beschloss die Polizei, sie hätten keine Lust mehr auf Leute, welche als „nicht normal“ bezeichnet werden könnten.

            Ein letzter Geprächsversuch. „Was wollten Sie im Supermarkt?“, fragte der Polizist.

            „Einkaufen“, sagte der Kunde ganz selbstverständlich.

            „Ohne Geld?“

            „Ich war seit drei Monaten nicht mehr draußen“, sagte der Kunde. „Also brauchte ich essen.“

            „Und warum waren Sie seit drei Monaten nicht mehr draußen?“

            Eine weitere überaus dumme Frage, soweit der Kunde das beurteilen konnte. „Weil ich seit drei Monaten nicht mehr draußen war.“

            „Nein – was war Ihr Grund, drei Monate nicht rausgehen zu wollen?“

            „Dass ich drei Monate nicht mehr rausgehen wollte.“

            Der Polizist verschränkte die Arme und stoß einen Seufzer aus. Er wandte sich an seinen Kollegen und sagte: „Sperr ihn einfach die Nacht zu dem anderen Idioten, soll sich wer anders drum kümmern.“ – und sie sperrten ihn die Nacht ein.

„Und, was treibt dich hierher?“, fragte der Zellengenosse des Kunden.

            „Ich war einkaufen“, erwiderte dieser.

            Der Zellengenosse nickte verständnisvoll. „Hm, da muss man echt aufpassen mittlerweile. Packen Leute in Zivil in die Parks und so. Hinterlistige Scheiße.“

            „Ich war seit drei Monaten nicht mehr draußen“, sagte der Kunde.

            „Drei Monate, wie?“ Der Zellennachbar grübelte kurz. „Da wirst du jawohl ein bisschen mehr gemacht als nur einkaufen, oder? Kumpel von mir sitzt auch gerade – da musst du aufpassen, man.“

            Der Kunde sah ein Gitterbett mit einer gammligen Matratze, auf welches er sich genüsslich legte als sei er nun ganz Zuhause.

            „Wie waren die drei Monate?“, wollte der Zellengenosse wissen. Der Kunde zuckte mit den Schultern. „Ganz gut“, sagte er. „Da musste ich nicht einkaufen.“

            „Verstehe ich, man – verstehe ich. Zwangsentzug schmerzt aber hilft, was? Klappt aber manchmal auch nicht, sonst wärst du ja nicht hier, oder?“

            Der Kunde drückte seine Augen zu und wollte schlafen.            „Wie heißt du eigentlich?“, fragte der Zellengenosse.

            „Ich bin der Kunde“, sagte der Kunde. Und Kunde ist König, ergänzte der König klammheimlich, in der Stille der Stirn des Kunden.

            „Deckname, was?“, sagte der Zellengenosse. „Verstehe ich, man – verstehe ich. Willst deine Identität wahren, kein Thema. Ahne ich, man.

            „Mich nennen sie Beowulf. Krass, oder? Aber eigentlich heiße ich Dirk.“

            „Hallo Dirk“, sagte der Kunde. „Ich geh jetzt schlafen.“

            „Mach das, man – mach das. Gute Nacht. Ist ja auch schon spät, glaube ich.“

            „Gute Nacht, Dirk“ – und so ging der Kunde schlafen.

Sowohl der Kunde als auch Dirk wurden von einem schütternden Geräusch geweckt. Einer der Polizisten klopfte mit einem kleinen Metallstab an den Gittern der kleinen Zelle, um die Insassen aus dem Schlaf zu reißen.

            „Du kannst raus“, sagte einer der Polizisten zu Dirk. „Und dich will jemand sehen“, sagte der andere zum Kunden.

            „Hey man“, Dirk klopfte dem Kunden einmal herzhaft auf die Schulter. „Geh nicht mehr so viel einkaufen, ja?“

            „Ich versuchs“, antwortete der Kunde.

            Die Polizisten führten den Kunden in einen Raum, in welchem zwei weitere Männer auf ihn warteten. Statt einer polizeilichen Uniform trugen sie beide dunkelblaue Anzüge, was grundsätzlich auch eine Uniform ist, doch eben keine polizeiliche.

            Der Kunde setzte sich gegenüber den beiden Männern und die Polizisten deuteten diesen mit einem Nicken ihren Abschied an.

            „Do you speak english?“, fragte einer der beiden Männer.

            „Tut mir leid, ich spreche kein Englisch“, antwortete der Kunde, welcher offensichtlich ein wenig Englisch verstand.

            „Dann mussen wir auf Deutsch mit ihnen reden“, antwortete der Mann. „Bitte verzeihen sie, wenn es nicht ganz flussig ist. Wir sind von der CIA. Kennen sie die CIA?“

            Der Kunde nickte. „Ich war seit drei Monaten nicht mehr draußen. Da habe ich viel im Fernsehen gesehen. Da kam auch die CIA vor.“

            „Ick verstehe“, antwortete der Mann. Sein Partner beugte sich vor und zückte ein Bild aus der Innentasche seines Sakkos.

            „Kennen Sie diesen Mann?“, fragte er.

            Der Kunde schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn nicht im Fernsehen gesehen“, antwortete er.

            „Vielleickt sagt ihnen sein Name was: Gennaro Ricci.“

            „Wir haben Grund zur Annahme, dass sie mit diesen Mann in Kontakt standen“, ergänzte der zweite Agent.

            Erneut schüttelte der Kunde seinen Kopf. „Den kenne ich nicht“, sagte er.

            Der Agent zückte ein weiteres Bild hervor. „Sind das nicht Sie?“, fragte er. Zu sehen war ein Mann, welcher dem Kunden verblüffend ähnlich sag, im Arm des besagten Gennaros.

            „Enzo Leonetti“, sagte der andere Agent. „Ein – wie sagen Sie? – Arbeitskollege von Ricci, der fur Ricci gearbeitet hat. Dann betrog er ihn und fluchtete. Sind Sie das, Enzo?“

            „Sie hätten bestimmt einige Informationen, welche sehr hilfreich fur uns wären.“

            Der Kunde schüttelte schon wieder seinen Kopf. „Ich bin der Kunde“, sagte er.

            „Das ist sehr interessant“, bemerkte einer der Agenten. „Das war der Deckname Leonettis: La Cliente.“ Die Agenten lehnten sich siegessicher zurück: Jetzt müssten sie den Kunden ertappt haben. Doch erneut schüttelte er seinen Kopf und sagte schlicht und ergreifend: „Das bin ich nicht.“

            Die beiden flüsterten einander auf Englisch etwas zu, standen auf und klopften an die Tür des Verhörraumes. Einer der Polizisten machte auf.

            „Behalten sie ihn noch eine Nacht hier, ja? Wir kommen morgen wieder.“ – und so behielten sie den Kunden noch eine Nacht da.

Am nächsten Tag wurde der Kunde auf dieselbe Art und Weise aufgeweckt, durch denselben Gang in denselben Raum geführt und von denselben beiden Gesichtern begrüßt, doch gesellte sich ein drittes dazu: das des Gennaro Ricci.

            Der Kunde setzte sich gegenüber.

            „Verbluffend“, sagte Ricci. Er musterte den Kunden für eine Weile.

            „Guten Tag“, sagte der Kunde. „Ich bin der Kunde“, stellte er sich vor.

            Ricci erstarrte für eine Sekunde und wandte sich an die beiden Agenten. „Das ist er nicht, ihr Idioten. Das ist er nicht! Cazzo!

            Einer der Agenten holperte hervor und zückte das Bild von Enzo. „Aber guck doch: Die beiden sehen gleich aus!“

            Ricci schwenkte abweisend mit der Hand. „Hast du keine Augen, hm? Da, guck doch mal!“ Er riss dem Agenten das Bild aus der Hand und deutete wild mit seinem Zeigefinger auf verschiedene Details. „Die Ohren stehen weniger ab! Die Nase hat keinen Buckel! Seine Augenfarbe ist anders! Und seine Stimme ist auch ganz anders. Wofur bezahle ich euch überhaupt?!“

            Die Agenten sagten nichts und verblieben wie eingefroren stehen.

            „Lasst ihn gehen“, forderte Ricci – und so ließ man den Kunden gehen.

Nach seiner Freilassung begab der Kunde sich zum vorherig frequentierten Supermarkt. All seine Einkäufe waren weiterhin sauber in einer Kiste an der Kasse verstaut. Er nahm sich die Kiste und war im Begriff den Laden zu verlassen.

            „Moment, das dürfen Sie nicht!“, merkte die bereits bekannte Kassiererin auf.

            „Ich bin der Kunde“, sagte der Kunde genervt. „Und Kunde ist König“, ergänzte der König siegreich. „Also nehme ich das jetzt mit“, veräußerten beiden.

            Die Kassiererin fasste sich entsetzt an die Stirn. „Ja, von mir aus – für die Scheiße werd ich nicht ausreichend bezahlt. Geh einfach.“

            Stolzen Gefühls, doch unter immenser Erschöpfung, begab der Kunde sich nach Hause und nahm sich umso mehr den Ratschlag seines guten Freundes Dirks zu Herzen: weniger einkaufen – und so war der Kunde für weitere drei Monate nicht mehr draußen.

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