Social Media und die Kurzlebigkeit des Aktivismus

Wann hast Du zuletzt etwas über Greta Thunberg gelesen? Über Fridays For Future, Klimaschutz und sonstige Themen, welche vor einigen Monaten noch von unabdingbarer Relevanz waren und es weiterhin sind? Egal ob auf irgendwelchen sozialen Medien, in der lokalen Zeitschrift oder einem Online-Magazin. Wann – und vor allem in welcher Frequenz?

Zu Zeiten der sozialen Medien ist Aktivismus oftmals etwas überaus Kurzlebiges. Sofern es uns nicht in unsere Timelines gespült wird, wir es nicht in irgendwelchen Instagram Stories sehen oder die Tagesschau darüber berichtet, werden Problematiken höchster Priorität auf einmal sekundär, denn unsere Aufmerksamkeitsspanne sieht sich von anderen Dingen beansprucht. Verdrängt wurde das Thema Klimaschutz aktuell natürlich durch Covid-19. Noch vor gerade mal zwei Wochen sprachen sich viele meiner Bekannten online für das Social Distancing aus, für Vorsichtsmaßnahmen und appellierten allgemein an Solidarität, Vernunft und Moral, so wie auch ich. Wie gesagt, gerade mal zwei Wochen ist es her, dass dieses Thema von höchster Bedeutung war, bis dieses wiederum durch den Diskurs um Polizeigewalt aufgrund des Todes von George Floyd ersetzt wurde – und aktuell sagt meine Timeline ausschließlich „Black Lives Matter“ (was ebenfalls von unabdingbarer Relevanz ist). Erneut: meine Wenigkeit inklusive. Binnen kürzester Zeit wurde Covid-19 somit wiederum sekundär, obwohl wir doch weiterhin in einer Pandemie stecken. Folgt daraus, dass der Klimawandel aktuell tertiär ist, obwohl unser Planet im Sterben liegt? Es ist schmerzhaft sich einzugestehen, dies zu bejahen.

Ich möchte keinem dieser Themen deren Wichtigkeit absprechen. Ebenso wenig möchte ich behaupten, dass diese Themen uns egal wären, nur weil sie plötzlich nicht mehr im Rampenlicht stehen. Ganz im Gegenteil. Ich will sagen, dass wir in diesen Zeiten vielerlei Themen großer Wichtigkeit vor uns haben. Eine Pandemie. Das Ableben der Erde. 400 Jahre systematische Unterdrückung. Doch irgendwie sind wir so gepolt, dass wir uns nur auf je eines konzentrieren können. Ich bin dem offenkundig nicht unschuldig. Zu jedem dieser Themenkomplexe nutzte ich meine Online-Plattformen, um Daten und Meinungen diesbezüglich zu teilen. Aber eben auch nur zu Zeiten derer Aktualität. Erst gestern habe ich erfahren, dass Greta Thunberg wieder zur Schule gehen möchte.

Ich war demonstrieren

Ich bezeichne mich gerne als eine überaus moralische Person. Meist sicherlich vielmehr als ich letzten Endes bin – dementsprechend will ich nicht etwa den moralischen Zeigefinger heben. Das möchte ich auch in diesem Beitrag nicht – es stünde mir gar nicht zu. Denn ja, wie die Headline es sagt: Ich war demonstrieren. Dieses Wochenende. Das erste Mal seit vielen Jahren. Jegliches Interesse am Wohl unseres Planeten, jegliches Bedenken gegenüber sozialer Ungerechtigkeiten, jegliche Besorgnis um was auch immer meine Timeline aktuell bespricht, war nicht genug, um mich zum Demonstrieren zu überzeugen. Proteste sind zwar nicht die einzige Form des Aktivismus, doch sicherlich eine der wichtigsten. Es ist leicht etwas zu retweeten oder 280 Zeichen abzutippen, da sie in der Sicherheit des eigenen Zuhauses mit nahezu gar keinem Aufwand erfolgen – wenn ich hier auch einräumen muss, dass dies nicht zu tun sicherlich noch einfacher ist. Es gibt nichts, das so einfach ist, wie einfach nichts zu tun. Doch befürchte ich, dass wir zu oft in die Falle geraten, ein paar einfache Retweets als aktivistisch zu bezeichnen. Das ist Schwachsinn – es ist schlicht und ergreifend das Mindestmaß.

Nun bin ich mir also meiner eigenen Scheinheiligkeit im Klaren, doch war ich bei keiner einzigen FFF-Demo dabei. Die Ausreden dazu – und genau das waren es: Ausreden (zumindest in meinem Fall), oder sogar Lügen – sind relativ simpel. Hier eine Liste:

  • In den Menschenmassen kriege ich Panikattacken, da traue ich mich das nicht.
  • Ich habe Soziophobie und versuche mich von Zuhause zu engagieren.
  • Ich habe keine Freunde, mit denen ich dahingehen kann und das bereitet mir Unwohlsein.
  • Ich würde ja wirklich total gerne, ABER da muss ich was für die Uni machen.

Ich möchte übrigens keineswegs sagen, dies seien illegitime Gründe zum Nichtdemonstrieren – es sind lediglich in meinem Fall illegitime Gründe, da sie nicht immer der tatsächlichen Wahrheit entsprechen. Es ist richtig, dass Menschenmassen mir Unwohlsein bereiten, teils auch Panikattacken herbeiführen, doch ist dies keine Konstante und ich nutzte diese Begründung lediglich als Vorwand, um nicht aktiv werden zu müssen – oder vielmehr nicht aktiver als an meine Follower zu schreiben. Personen, welche meine Ansichten flächendeckend teilen. Das hat so viel mit Aktivismus zu tun wie die spanische Inquisition mit Jesus. Social Media ist eine politische Echokammer.

Was ist schon Aktivismus?

Diese Frage versetzt mich in einen Zwiespalt, denn wer bin ich sie zu beantworten, wenn ich erst vor Kurzem seit Jahren wieder demonstrieren war? Ich bin mir bewusst, dass demonstrieren nicht die einzige Form des Aktivismus ist und gleichermaßen habe ich Angst, dass Leute nun wegen mir das Gefühl haben, nicht genug zu tun. Das ist nicht, was ich vermitteln möchte. Ich will, dass man sich fragt, ob man denn genug tut – ein kleiner, jedoch wichtiger Unterschied. Denn in meinem Fall muss ich diese Frage wohl verneinen, ausgezeichnet mit dem Etikett „Er war stets bemüht“. Ich befinde mich im Zwist, Social Media als Form des Aktivismus zu diskreditieren, obwohl ich es doch für unfassbar wichtig halte, diesbezüglich auch auf sozialen Medien aktiv zu sein.

Scheiß auf die Echokammer – würden wir die Themen besprechen, für sie demonstrieren, uns Gedanken machen und versuchen uns zu engagieren, sofern wir keine Inhalte dazu teilten? Mag sein, dass dies nicht sonderlich aktivistisch ist, dass wir Inhalte nur für unser Selbstwertgefühl teilen und Virtue Signaling betrieben, um sagen zu können, wir seien so moralisch, wie wir von uns selbst denken wollen – doch obwohl es sich hierbei ums Mindestmaß handelt mit stellenweise dubiosen Motivationen, kann dies der Funken sein, welcher ganze Systeme in Brand steckt. Auch ein kurzlebiges Feuer hat viel Zerstörungspotenzial.

Warum wir nicht aktiv werden

Ich denke ab diesem Zeitpunkt bereits der ein oder anderen Person den Gedanken eingetrichtert zu haben, sie müsse mehr tun. Man fühle sich ertappt, denn wie viel teilt man und wie viel tut man wirklich? Ob man sich tatsächlich mehr zu engagieren wagt, ob auch ich mich mehr engagieren werde, steht bisher noch im Raum. Doch dass der Gedanke unseren Verstand durchkreuzt, sagt uns bereits, dass wir zu bequem sind oder waren. Aber warum?

Ich kann mir das generell nur durch die ständige Dissonanz zwischen unserem Wissen erklären, mit welchem wir Themenkomplexe intellektuell konfrontieren (Die Fleischindustrie ist der Hauptverursacher des Klimawandels, eine drastische Reduktion unseres Fleischkonsums muss erfolgen, die Erde könnte binnen weniger Jahre für uns unbewohnbar werden), und unserem Glauben, der sich auf unsere Wahrnehmung beschränkt, resultierend in einer akuten Verdrängung (Ich kann den Wandel nicht wirklich erfassen, ich habe schon immer Fleisch gegessen, irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass wir in ein paar Jahren alle tot sein sollen). Diese Dissonanz ist nichts Ungewöhnliches – oftmals lässt sie sich sogar ganz aktiv beobachten. Ich entsinne mich beispielsweise sehr genau, wie meine Familie und ich einen Sommermittag beschämt an einer Massentierhaltungsfabrik voller Kühe vorbeigefahren sind und in einer resignierenden Schmach unsere Köpfe senkten. „Schrecklich sowas“, sagten wir. „Die armen Tiere“. Wir waren uns des Leids der Kühe vollkommen im Klaren, konnten es sogar ansatzweise wahrnehmen, wenn wir auch versuchten wegzusehen – doch hat es keinen von uns aufgehalten am Abend etwas Rind auf den Grill zu hauen und dessen Geschmack zu loben. Die Dissonanz zwischen unserem Wissen der Tierhaltung und unserem Glauben, unserer Erfahrung, schon immer Fleisch gegessen zu haben. Immerhin diese Dissonanz konnte ich brechen.

Hierin finden wir letzten Endes auch den Grund, warum wir nicht aktiv werden. Wir sind uns der Probleme im Klaren, unser Wissen ist gestellt, doch ist die Vorstellung des Untergangs der Menschheit oftmals viel zu abstrakt, als dass wir uns letzten Endes dafür bewegen wollen. So lange wir mit der Problematik nicht in Berührung kommen, gibt sie uns keinen Grund zu demonstrieren. Ein Problem, welches in älteren Generationen viel ausgeprägter scheint als jüngeren. Die von mir besuchte Demo bestand zu mindestens 90 Prozent aus Millennials und der Generation Z. Am Vorabend diskutierten meine Eltern den Mord George Floyds und den damit verbundenen Gräuel. Demonstrieren gingen nur meine Verlobte und ich.

Warum wir aktiv werden

Trotz Corona demonstrierten in Hamburg 14.000 Leute wegen der Ermordung von George Floyd. Ich schreibe diesen Text unwissend darüber, ob ich mir trotz aller Sicherheitsvorkehrungen etwas eingefangen habe. Keine Reue von meiner Seite. Im Anbetracht der aktuellen Pandemie nicht demonstrieren zu gehen, halte ich für legitim – man möchte Leben schützen. Im Anbetracht der systematischen Unterdrückung von PoC demonstrieren zu gehen, halte ich für legitim – man möchte Leben retten. Es ist ein moralisch komplexer Diskurs. Auch meine Verlobte und ich wollten zunächst Zuhause bleiben – wir wussten, dass es klüger sei. Doch am Tag der Demonstration entschieden wir uns um. Es fühlte sich falsch an nicht zu gehen. Bei Fridays For Future waren wir nie. Ich kann hier nur für mich sprechen: Vielleicht war mir der Klimawandel nicht greifbar genug, um meine vier Wände zu verlassen. Das erlaubt mir nur die beschämende Schlussfolgerung, dass erst Menschen sterben mussten, um mich auf die Straßen zu ziehen. Ich wusste um die Missstände, doch mein Glaube musste erst geweckt werden. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass erst ein Mensch innerhalb eines Landes sterben musste, zu dem ich einen Bezug aufbauen kann: Ein erste Welt Land. Ein Blick nach Bangladesh reicht, um die schrecklichen Konsequenzen des Klimawandels zu sehen. Konsequenzen, die Bangladesh gar nicht zu verantworten hat – in Sachen CO2-Ausstoß ist Bangladesh nämlich nahezu irrelevant, mit zusätzlich flächendeckend vegetarischer Ernährung. Wissen, dass sich mir kürzlich zugegeben noch entzog, doch spricht das nur für eine gewisse Ignoranz. Wenn Menschen wegen des Klimawandels in der ersten Welt sterben, ist es zu spät zum Demonstrieren. Eine klägliche Realisation.

Zuletzt waren 70.000 Menschen in Hamburg bei Fridays For Future demonstrieren. Menschen, die nicht durch eine Ausgangssperre daheim verblieben. Menschen, die glaubten, da Greta Thunberg ihnen die Konsequenzen der Ungläubigkeit vorführte; sie damit in Berührung brachte.

Wie wir aktiv werden

Nun stehe ich sicherlich nicht alleine mit dem schockierenden Eingeständnis da, nicht genug getan zu haben. Dass meine paar Retweets wirklich nur das Mindestmaß waren, wenn auch besser als gar nichts. Und nicht nur ich werde nun das Bedürfnis haben, wirklich und wahrhaftig aktiv zu werden. In Sachen Klimaschutz belief sich dies auf Vegetarismus, nun versuchter Veganismus. Auch dies würde ich als eine Form des Aktivismus bezeichnen – sogar eine, die dermaßen wichtig ist, dass ich sie hier noch einmal separat erwähnen möchte. Dies ist mir in der Tat eine Herzensangelegenheit und ich versuche solche Ernährungsformen so vielen wie möglich schmackhaft zu machen. Nun auch – Ironie des Schicksals – auf Twitter. Wie man sicherlich weiß, bin ich ein begeisterter Heimkoch und ich hoffe die Ernährung anderer durch kompakte Rezepte im Sinne des Klimaschutzes zu beeinflussen. Neben dem bereits diskutierten Demonstrieren nun eine Auflistung der wichtigsten Formen des Aktivismus, welche ich die letzten Tage aufschnappen durfte:

  1. Zuhören. Ob Experten, Menschen mit Erfahrungsberichten oder dergleichen – sich für Standpunkte öffnen bewirkt viel.
  2. Das Gespräch suchen. Zuhören führt sich selbst ad absurdum, wenn man das erworbene Wissen nicht mit anderen teilt.
  3. Bücher. Filme. Reportagen. Siehe Punkt 2. Fortbildung ist wichtig, eine Weitergabe des Wissens noch wichtiger.
  4. Petitionen unterschreiben.
  5. Spenden.
  6. Wählen. Selbstverständlich, nicht? Dennoch frequentieren mehr Amerikaner die Familie zu Thanksgiving als Wahllokale.
  7. Maßnahmen im eigenen Leben ergreifen. Siehe Vegetarismus/Veganismus.
  8. Und am aller wichtigsten, eine Zusammenführung aller Punkte, unter Fokus des zweiten Punktes: Laut sein; being vocal. Ob demonstrieren, diskutieren, wählen, schreiben oder was auch immer – die eigene Stimme muss genutzt werden.

Auch wenn wir nicht demonstrieren wollen, haben wir genug Optionen unseren Beitrag zu leisten. Kürzlich erst diskutierten meine Verlobte und ich den Wert des Lesens beim Aktivismus und sie führte mir vor Augen (genauso wie Twitter, als ich einen Textausschnitt aus einem Buch postete, welcher herzlich wenig Interaktion fand), dass hieran leider kein großes Interesse besteht. Ich kann in diesem Sinne nur nochmal eine Empfehlung aussprechen. Lesen erfordert Anstrengung, doch zahlt diese sich aus. Sich bilden ist essenziell um aktiv zu werden, meines Erachtens nach. Lesen ist lediglich mein präferiertes Medium, doch bin ich mir im Klaren, dass dies durchaus elitäre Züge hat und ich voreingenommen bin aufgrund meiner Liebe zu Büchern und der Tatsache, dass ich mit solchen eines Tages mein Geld verdienen will. Es ist eine tendenziöse Empfehlung, so wie die meisten Empfehlungen tendenziös sind. Doch wie gesagt gibt es hierzu genauso wertvolle Filme, Serien, Reportagen und ja, auch wirklich großartige Threads auf Twitter und Posts auf Instagram.

Bei der nächsten FFF-Demonstration nach Ende Coronas will ich mit vor Ort sein. Bei weiteren BLM-Demos will ich vor Ort sein. Meine Ideale liegen mir am Herzen. Meine Ideale eines bewohnbaren Planeten, eines Kampfes gegen Rassismus, nach Freiheit, Parität, Gerechtigkeit – Menschlichkeit. Ich hoffe mit der ein oder anderen Person, welche bis hier gelesen hat, demnächst Seite an Seite demonstrieren zu dürfen – oder auch einfach nur gemeinsam aktiv zu sein. Ob Corona, der Klimawandel oder Black Lives Matter, es gibt viele, viele Themen, welcher unserer Aufmerksamkeit bedürfen – auch außerhalb unserer Timelines. Auf dass wir diese künftig gemeinsam angehen.

Bis dahin allerdings,

Spill Milk. Ein Motto, das bisher wohl noch zu keinem meiner Beiträge dermaßen gut gepasst hat.

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