Anführungszeichen

Ich habe kürzlich ein Buch gelesen, in welchem der Autor bewusst auf Anführungszeichen verzichtet hat. Keine wörtliche Rede. Keine Gänsefüßchen, keine Guillemets, die doch optisch ohnehin viel ansprechender sind, keine Apostrophe oder dergleichen. Einfach nur ein Satz in einem Satz in einem Spinnengewebe aus Sätzen, sagte Person 1.

Das ist Faulheit, sagte Person 2. Paul Auster macht das immer. Guter Autor, aber total unübersichtlich, wenn du mich fragst.

Sicher, dass es Faulheit ist?, fragt Person 1.

Was denn sonst?

Nun, das ist doch viel zu einfach, nicht? Ich meine, Paul Auster ist ein sehr belesener Mann – und dazu noch Literaturwissenschaftler. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass die Nichtanwendung von Anführungszeichen in seinem Fall eine Entscheidung aufgrund von Bequemlichkeit ist.

Hast du denn eine bessere Idee?

So einige, ehrlich gesagt. Womöglich sind sie ihm gleich, denn strukturieren tut er über Absätze und Syntaktik. Vielleicht hält er sie einfach für unnötig.

Dann würde es doch aber auch nicht schaden sie dennoch zu setzten, oder?

Na ja, hat es bisher Anführungszeichen gebraucht, damit du diesem Text folgen kannst?

Stimmt schon.

Aber ich habe da noch eine Idee.

Dann erleuchte mich.

In der Philosophie, da gibt es etwas, das nennt sich Nutzen und Anführen. Demzufolge bestehen unsere Sätze aus sogenannten Ausdrücken, oder auch „Ausdrücken“, welche semantisch funktionieren, sprich eine ihnen zugrundeliegende Bedeutung haben, die sich einem, sofern man mit den Worten vertraut ist, erschließt. Manchmal wollen wir aber nicht etwa die Bedeutung diskutieren, sondern das Wort selbst – und dazu nutzen wir Anführungszeichen. Wenn ich sage Rabe schreibt man R-A-B-E, dann ist das unsinnig. Wenn ich sage, dass man „Rabe“ R-A-B-E schreibt, ist es das nicht mehr. Der Ausdruck ist somit nur konstruiert diskutabel und folglich bedeutungslos.

Verstehe ich nicht.

Streng dich doch mal an! Es ist ganz einfach: Mit Anführungszeichen diskutieren wir nicht Semantik, sondern Syntax – und genau das wollen wir doch eigentlich nicht, wenn wir lesen. Wir wollen berührt werden, wollen die Bedeutung sehen, wollen verstehen.

Ich glaube so langsam, du schreibst das hier nur, um mich mit literaturwissenschaftlicher Scheiße vollzulabern, die mich ohnehin herzlich wenig interessiert, in aller Ehrlichkeit.

Ich schreibe ja gar nicht, sondern rede. Ich bin ja nur eine Figur, nicht die Stimme des Autors. Ach, ist auch egal.

Aha.

Nein, aber verstehst du denn meine Idee nicht?

Doch, schon – aber du redest von Struktur. Dafür haben wir doch auch die Anführungszeichen, erleichtert den Lesefluss.

Ja, aber irgendwie sind die doch unnötig, wenn uns das Papier so viel andere Optionen bietet. Vielleicht sind Autoren wie Paul Auster einfach nur besonders experimentierfreudig.

Oder besonders besonders.

Kann sein. Aber brauchen wir Syntax überhaupt? Was meinst du? Na ja, was ist, wenn wir einfach auf Absätze verzichten. Das stelle ich mir ziemlich verwirrend vor. oder rechtschreibung! wer braucht denn schon rechtschreibung? das ist doch einfach nur anstrengend. zur rechtschreibung gehören aber auch satzzeichen ja da hast du natürlich vollkommen recht die kann man eigentlich auch weglassen können wir das sein lassen ich verliere so langsam die übersicht ach stell dich nicht so an da geht noch was was denn wir können zum beispiel auch in weiß schreiben sodass leute den text erst markieren müssen um ihn auch zu lesen

das klingt nach einer absolut schrecklichen idee man muss manchmal auch bereit sein die bestehenden normen zu brechen weißt du denn literatur so großartig sie auch sein mag ist in der tat sehr festgefahren so wie ich das sehe und zu wenige schriftsteller und schriftstellerinnen haben den notwendigen mut um hiergegen vorzugehen und das ist doch fürchterlich schade bücher sind immerhin ein medium welche so viel kreativen freiraum außerhalb der wörter bieten können wir bitte wieder normal reden

„Von mir aus“, sagte Person 1.

„Siehst du?“, wendet Person 2 ein. „Das ist doch gleich wesentlich angenehmer.“

„Aber auch bedeutend langweiliger.“

„Das ist mir wirklich egal.“

FIN

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