Trauer als ungebetener Gast

            Es klopft. Seit Tagen, vielleicht Wochen, womöglich mehr, mit dem Anbruch eines jeden Morgens. „Würdest du mir aufmachen?“, fragt die Stimme, welche mir mit der Zeit so vertraut wurde, doch versuche ich sie zu ignorieren. Diese sonore, ruhige Stimme – als sei sie ein alter Freund. Ein Moment der Stille – und dann ein weiteres Klopfen. „Ich bitte drum“, sagt sie. „Recht inständig sogar.“

            „Gehen Sie fort“, erwidere ich. Sie. Eine Anrede der Distanz, um jegliche Vertrautheit zu leugnen. „Ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben.“

            „Aber wir kennen uns doch schon so gut!“, antwortet die Stimme. „Denn war ich nicht in deinen düstersten Stunden für dich da? Ganz an deiner Seite, um dir Trost zu spenden als du ihn am meisten brauchtest?“

            „Trost nennen Sie das? Vielmehr Leid.“

            „Und kann einen Leid nicht auch trösten? Ja, wären die finstersten unserer Tage denn wahrlich finster, würden wir nicht leiden? Und es ist es nicht dies, was unser Heil erst einleitet?“

            Mit ihren schönen Worten versucht sie mich zu umgarnen, auf dass ich die Tür öffne und ihr letztendlich Einlass gewähre.

            „Wozu Finsternis, wenn die Sonne doch eigentlich scheint?“, frage ich, um die Rhetorik der Stimme gegen sie zu wenden.

            „Ein eindeutiger Schatten“, sagt sie – und so verweilen wir vorerst. Ein weiteres Klopfen. „Ich habe alte Freunde mitgebracht. Möchtest du sie nicht sehen?“

            „Sie sollen gehen, wo sie hingehören“, erkläre ich. „Ich möchte sie nicht sehen.“

            „Eine Lüge“, meint die Stimme festzustellen.

            „Nicht unter diesen Umständen“, sage ich – und so verweilen wir vorerst.

            Ein weiteres Klopfen. „Ich mache mir Sorgen um dich“, gesteht die Stimme.

            „Perlen vor die Säue.“

            „Ist dem wirklich so?“, fragt die Stimme skeptisch. „Denn so sehe ich kein Licht den Türspalt entrinnen und muss mich fragen: Willst du dort wirklich allein sitzen?“

            „Das und nichts anderes“, erwidere ich.

            „So mach dir doch wenigstens etwas Licht an!“, fleht sie.

            „Ich mag es so, wie es ist“, erkläre ich stoisch.

            „Keine Gesellschaft ist besser als meine Gesellschaft?“

            „Keine Gesellschaft ist besser als deine Gesellschaft“, sage ich – und so verweilen wir vorerst.

            Kein Klopfen – ein Tosen. Ein Rumpeln. Ein Schlagen. „Mach mir auf!“, fordert die Stimme und schmeißt sich fortwährend gegen die Tür. „Meine Manieren sind am Ende, meine Höflichkeit ebbt ab. Mach mir auf oder ich werde mir Eintritt verschaffen!“

            Ich schweige. Es tost, es rumpelt, es schlägt.

            „So rede mit mir, du Narr!“

            „Das ist dein Strategem, nicht? Schöne Worte, eingenistet in meinem Verstand.“

            Das Tosen verstummt. Auch das Rumpeln. Auch das Schlagen.

            „Wie du möchtest“, erklärt die Stimme. „Auch morgen werde ich wiederkehren – und diesmal werde ich Einlass finden, ob du mir öffnest oder nicht! Ja, du wurdest gewarnt, doch ist meine Geduld vorüber. Die Uhr tickt schneller, die Tür wird morsch und so wie auch sie, gibst du eventuell nach.“

            Ich höre Schritte im Flur und die Stimme tritt ab.

            Ich greife mir einen Stuhl und festige ihn unterhalb der Klinke.

            „Wozu noch öffnen?“, frage ich mich. „Du bist doch schon längst hier.“

            Und mit diesem Gedanken setze ich mich in die Ecke, in welcher ich schon so lange hocke, wartend auf den nächsten Tag – und so verweile ich vorerst.

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