Stillstand

Irgendwie ist das alles zurzeit nicht so richtig greifbar. Es fühlt sich irreal an – wie ein omnipräsentes Etwas, welches aktuell über unser aller Leben lauert; uns im Nacken sitzt und wartet. Das kennzeichnet sich alleine darin, dass ich gar nicht die Worte sagen muss, damit ihr wisst, wovon ich denn rede. Pandemie, Quarantäne, Social Distancing, hamstern – Corona. Ihr wisst schon. All das schöne Vokabular, welches binnen weniger Wochen zum Standard unseres Wortschatzes wurde. Ein Wort, das mir zu alledem in den Sinn kommt, welches jedoch sehr wenig aufgegriffen wird, lautet Stillstand – wie wohl auch der Titel dieses Textes nahelegt. Gesamtgesellschaftlich, institutionell, sozial, privat, persönlich – alles unterliegt aktuell einem Stupor, to flatten the curve, wie man dazu so schön und pittoresk sagt. Nun weiß ich natürlich nicht, wie das bei euch aussieht, wie ihr diese Auswirkungen realisiert und verarbeitet. Sicherlich werden sich hier einige Leidensgenossen unter euch anfinden und als solche identifizieren, andere werden mein aktuelles Verhalten wohl kaum verstehen und befremdlich finden – doch sehe ich, dass sehr viele Menschen aktuell besonders empathisch sind und somit zumindest bereit Gehör zu schenken – denn soweit ich das beurteilen kann, befinde auch ich mich zurzeit in eben diesem Stillstand.

Eine Anekdote

Ich wurde vor einigen Wochen aufgrund von Umstrukturierungen in meiner Position als Redakteur entlassen. Es besteht kein Bedarf mehr an Werkstudenten, trotz guter Arbeit. Ungünstiges Timing. Die Jobsuche als Student erweist sich im Normalfall nicht sonderlich schwierig, sofern man denn in einer Großstadt wie Hamburg wohnt. Du schreibst ein paar Bewerbungen und innerhalb von etwa zwei Wochen findest du schon irgendwas. Im Normalfall. Ich kriege aktuell nicht einmal antworten, denn selbstverständlich möchte niemand zum Bewerbungsgespräch laden. Das verstehe ich, wirklich – ich für meinen Teil möchte die Gespräche auch nicht von Angesicht zu Angesicht, in persona, führen, aber das scheint auch sehr dubios. Was habe ich also für Optionen? Genau, mehr Bewerbungen schreiben, in der Hoffnung, dass jemand antwortet – so auch gestern, wobei mir etwas Befremdliches auffiel: Ich konnte nicht ordentlich schreiben. Jeglicher Ausdruck war von dannen, meine Wortauswahl beschränkte sich auf etwa 300 Wörter, mein Schreibefluss war gering und mein Tempo bestenfalls mittelmäßig. Ich schreibe eigentlich täglich, es ist absolut ungewöhnlich für mich dem nicht adäquat nachzukommen. Und wenn ich so darüber nachdachte, dann hatte ich auch seit Tagen nicht ordentlich lesen können, was nicht weniger kurios ist. Lust zum Kochen verspürte ich ebenfalls nicht mehr – weshalb mir Folgendes klar wurde: Auch ich befinde mich im Stillstand als würde die Gesamtsituation mich lähmen. Mir fehlt jeglicher Fokus; meine Gedanken kursieren aktuell nur um dieses eine Thema, meine Sorgen und die Meldungen der Tagesschau diesbezüglich.

Ich sollte an dieser Stelle eventuell noch einmal erwähnen, dass lesen, schreiben und kochen meine drei großen Hobbies sind. Wenn ich für diese keinen Elan verspüre, dann stimmt etwas nicht – und mit mir stimmt dasselbe nicht, wie mit so vielen anderen aktuell auch. Ich habe selbst keine Angst vor der Erkrankung, aber um Personen, welche mir nahe stehen und sich innerhalb einer Risikogruppe befinden. Ich habe Angst vor der Ungewissheit, wie lange das alles gehen wird, welche Konsequenzen es tragen wird und allgemein dieser akuten Ungewissheit. Vielleicht wird es nur halb so wild wie angenommen, vielleicht viel schlimmer – wie gesagt, Ungewissheit. Ich für meinen Teil warte bereits jetzt auf die Headline „Erste Corona-Rückgänge in Deutschland“ und frage mich, wie die Welt in zwei Wochen aussehen wird.

Eine Pause

Es ist komisch. Ich hatte eigentlich versucht, das Social Distancing irgendwie positiv zu sehen. Wie viele Bücher ich doch lesen könnte, wie viel Fortschritt ich beim Schreiben meines Buches machen würde und Animal Crossing kommt ja auch noch. Bisher habe ich 20 Seiten gelesen, keine geschrieben und insgesamt 18 Stunden darin investiert einen eigenen Jurassic Park zu konstruieren. Das ist aktuell irgendwie die einzige Auszeit, die mein Kopf sich erlaubt – bei allem anderen schweifen meine Gedanken ab. Womöglich ist das aber gar nicht so schlecht – mein Therapeut sagte mir kürzlich erst, ich solle mir mal eine Pause genehmigen. Aber ist es das wirklich? Ich weiß es nicht, doch kann sagen, dass es nichtsdestoweniger eine gute Sache ist, die aktuelle Situation etwas ruhiger anzugehen. Wie ein weiser Bär einst sagte: Probiers mal mit Gemütlichkeit.

Man muss jetzt nicht hustlen, einen Blog starten (wie ironisch, ich weiß), ein Buch schreiben (sagt es nicht) und Pläne für irgendein Start-Up anfertigen, das sowieso nichts wird, da die Idee von Grund auf schrecklich ist. Karrieremenschen leben in einer ganz anderen Blase; meiner Erfahrung nach sollte man nie auf sie hören, sofern man nur etwas Wert auf das eigene Wohlbefinden legt. Schaut stattdessen irgendwas auf Netflix, lest das eine Buch, dass euch schon ewig anstarrt (auf dass ihr mehr Erfolg habt als ich), spielt eure liebsten Videospiele, versucht euch an Sauerteig – aber macht euch bitte keinen Stress. Den gibt es aktuell zu genüge extern.

Mir ist kürzlich im Übrigen ein wie ich finde lustiger Gedanke gekommen, den ich auch noch in diesem Beitrag unterbringen will. Ich bin Agnostiker und schließe somit die Existenz einer höheren Macht nicht aus. Vor dieser Pandemie wurde prädominant das Klima diskutiert – und dieses hat sich seit der aktuellen Krise erheblich gebessert. Ich höre mittlerweile nachts Vögel singen, was noch sehr befremdlich ist. Delphine gehen wieder an die Küsten von Stränden – nun, nicht unbedingt in Deutschland, aber ihr wisst schon. Die Luft wird frischer. Corona hat mehr für die Erhaltung unseres Planeten getan als das Klimaschutzpaket Deutschlands. Was wäre, wenn diese Pandemie von besagter, eventuell existierenden, höheren Macht verbreitet wurde, um den Planeten zu schützen, da wir keine suffizienten Maßnahmen ergriffen haben? Absurd, ich weiß – deswegen ist es auch nur eine Idee. Keine, an die ich wirklich glaube, doch der Gedanke amüsiert mich schon ein wenig. Apropos amüsant, hier nochmal etwas zum Lachen, Kopfschütteln oder weinen:

Nochmal sicherstellen, was Klopapier denn eigentlich bedeutet. © Duden

Ein Ende

Es gäbe sicherlich noch viel zu diesem Thema zu sagen. Beispielsweise wie sehr ich Freunden von mir in den Arsch treten will, die dermaßen im Moment leben und so wenig Weitsicht haben, dass sie sagen, sie würden jetzt einmal dringend in den Urlaub fahren wollen, denn das ist ihnen ja einfach alles gerade zu viel. Bah. Ich möchte es hierbei aber fürs Erste belassen, auf dass dieser Text mir ein bisschen beim Verarbeiten geholfen hat und mich aus meinem Stillstand bringt.

Passt auf euch und wascht euch die Hände, geht bitte nicht hamstern, geschweige denn nach draußen. Schreibt euren Liebsten und und hört einmal rein, wie sie sich mit der aktuellen Situation fühlen. Ich war am Spekulieren einen Beitrag darüber zu schreiben, wie die Pandemie nahezu täglich meinen Glauben an die Menschheit gnadenlos zertrümmert und anschließend wiederbelebt, doch wenn ich mal meinen Zynismus vergangener Tage hinter mir lasse, sehe und spüre ich sehr viel Nächstenliebe – und das ist etwas unfassbar Schönes, wenn auch leider Ungewohntes. Tragt euren Teil hierzu bei. Die Welt wie wir sie kannten, wir nach alledem womöglich nicht mehr existieren, da wir sie mit anderen Augen wahrnehmen – ich will hier jetzt keine Apokalypse voranstellen. Auch diese Pandemie wird ein Ende finden – was bleibt sind unsere Taten während dieser. Bis dahin allerdings:

Don’t. Don’t Spill Milk. Die Vorräte sind aktuell sehr limitiert und ich habe soeben erste eine wohltuende Pause propagiert, das ist kein Aufruf zur Produktivität. Seid faul, macht euch warme Milch mit Honig, legt euch hin. Der ordinäre Abschied greift heute nicht. Wir hören uns.

Ein Kommentar zu „Stillstand

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