Das schwindende Milchglas

Anmerkung: Diese Geschichte ist der Nachfolger einer anderen Kurzgeschichte meinerseits, Zwiedentität. Es empfiehlt sich sehr, diese zuvor gelesen zu haben, wenn auch diese hier ohne verständlich sein sollte. Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim Lesen!

Zu sagen, der Job war kein ungewöhnlicher, wäre falsch. Schwierig hingegen? Nun, augenscheinlich wahrscheinlich nicht, nein. Doch meiner Erfahrung nach, oder vielmehr, wie mir dieser Fall zeigte, entsprechen Dinge nicht immer dem Augenschein.

            „Kriegen sie das hin, DeVille?“, fragte Carmine mich. Ein dicklicher Mann in seinen Vierzigern, menschlich etwas verrucht, um ihn nicht beim Namen als blödes Arschloch zu nennen, der aber immer gut bezahlte. Die von ihm aufgetragenen Fälle zählten immer zu den interessantesten, was ich sehr zu schätzen wusste, da man als Privatdetektiv zumeist wegen untreuen Ehepartnern konsultiert wird. Ich lehnte solche Fälle ab; die Spannerei ist nicht mein Metier.

            „Sollte machbar sein“, erwiderte ich. „Doch eine Frage hätte ich.“
Carmine warf mir einen Blick zu, der in etwa sagte: „Schieß los“. Als Detektiv wird mir oftmals ein Talent zur deduktiven Schlussfolgerung zugesprochen, welche es mir ermöglichen soll, auch Menschen zu lesen.  Ein Mythos, mit welchem ich an dieser Stelle abrechnen möchte. Wir sind allesamt kein Sherlock Holmes oder Hercule Poirot, welche Menschen als wohl vollkommen transparentes Objekt erachten. Das ist oftmals eine einfache Frage der Sozialkompetenz oder Komplexität der Person, welche einen kontaktiert. Holmes könnte dementsprechend keinen dieser Menschen lesen. Ich kenne Kopfgeldjäger, welche einen besseren Umgang mit Menschen pflegen als Sherlock (Im Übrigen keine Lüge! Viele dieser zeigten sich mir gegenüber durchaus charmant  und speziell im Privaten sehr freundlich. Jack The Clipper beispielsweise gab mir an einem sagenhaften Abend mehrere Pints aus und bestellte mir ein Taxi nach Hause. Das sind nun mal auch nur Menschen, welche irgendwie um die Runden kommen wollen). Andere hingegen haben einfach nur eine sehr ausgeprägte Mimik. So auch Carmine, der Typ las sich selbstständig.

            „Folgendes“, begann ich. Ich öffnete das Etui auf meinem Schreibtisch und nahm mir eine Zigarette. Carmines Gesicht fragte mich, warum ich denn so viel Drama und Spannung um eine einfache Frage aufbauen musste. Meins sagte wiederum, dass dies gar nicht mein Plan sei, ich habe nur ein intensives Suchtproblem und folglich den ständigen Drang mich mit Nikotin vollzupumpen. Leider sprach mein Gesicht plattdeutsch und Carmine wusste nicht so genau, was das alles sollte.

            „So, sorry. Also“, Carmine schien gespannt. Eine schrecklich antiklimatische Aufregung zu einer dummen Frage, welche wohl unausweichlich auf eine dumme Antwort treffen würde – wenn auch unbeabsichtigt.

            „Ganz direkt gefragt: Warum soll ich ein scheiß Milchglas für dich beobachten?“ Er lachte auf und schnorrte sich eine Zigarette von mir.

            „Wirst du sehen, Henry. Oder auch nicht. Ist schwer zu erklären.“

            „Nicht sonderlich aufschlussreich“, merkte ich an.

            „Wie gesagt, schwer zu erklären. Deshalb heuer ich dich ja an. Könnte ich erklären, was Sache ist, bräuchte ich dich doch nicht.“ Er nahm einen tiefen Zug von der Zigarette.

            „Freundlich wie immer“, sagte ich. Er zuckte mit den Schultern.

            „Geld ist zum Sparen da“, erwiderte Carmine. Er reichte mir eine kleine Karteikarte.

            „Zu der Adresse gehst du morgen, Henry. Das ist ne Lagerhalle von uns.“ Ich zückte eine Augenbraue.

            „Freu mich, wird klasse, hab nur gute Erfahrungen mit Lagerhallen bisher!“

            „Selbst Schuld, wenn du mich fragst. Wer rennt bei ner Gruppe von Gangstern rein?“ Da hatte er natürlich einen Punkt.

            „Geh einfach zur Halle, ja? Du wirst schon sehen, was los ist. Oder, na ja, eben nicht, wie gesagt.“ Ich nickte und drückte meine Zigarette aus. Carmine tat es mir gleich und stand auf, um endlich gehen zu können.

            „Ach ja, Henry. Noch ein gut gemeinter Ratschlag: Brauchst dir kein Essen einzupacken. Lohnt sich nicht.“

*          *          *

An der Lagerhalle begrüßte mich eine Frau im Anzug. Braune Haare, zusammengebunden mittels eines Kugelschreibers, und ein Klemmbrett, welches sie hielt, auf dem sie sich mit einem weiteren Kugelschreiber wohl Notizen machte. Sie schien mir recht autoritär, streng, wobei das auch an dem formalen Auftreten liegen könnte.

            „Mister DeVille“, begann sie und reichte mir die Hand. „Mein Name ist Lisbeth – bitte sagen sie Lizzie – Belkin. Ich bin die Vorgesetzte von Carmine und CEO von Blackfish Industries Official, kurz BIO, Ihr offizieller Auftraggeber im Rahmen dieser Unterfassung. Carmine ist des Weiteren als offizielle Korrespondenz in dieser Angelegenheit nun durch mich ersetzt, er verwaltet schließlich nicht die Lagerhallen. Eine erste Zahlung unsererseits folgt nach dem heutigen Tage. Wir erwarten eine ehrliche Evaluation Ihrerseits zur Bewältigung dieses Falles und ob derartiges überhaupt erfolgen könnte. Wenn nicht, wäre unsere Zusammenarbeit mit dem Ende Ihrer ersten Untersuchung ebenso beendet. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an mich, wie gesagt hat Carmine ab jetzt nichts mehr mit dem Fall zu tun. Alles klar?“
Ich wirkte etwas irritiert. Eine Menge Informationen, welche ich mit einem Mal verarbeiten musste. Irgendwie blieb davon aber nur eine hängen:

            „Sie sind Carmines Vorgesetzte?“, fragte ich wie ein Idiot.

            „Tatsächlich leben wir in einem Zeitalter, in welchem auch Frauen Führungspositionen einnehmen können, Mister DeVille.“

            „Ja, natürlich“, fing ich an. „Ein bisschen unerwartet hat mich das jetzt dennoch erwischt.“

Lizzie schaute skeptisch und hielt dabei einen penetrant vorwurfsvollen Augenkontakt aufrecht. Im Nachhinein – und eigentlich auch im Vornherein – muss ich gestehen, dass das eine nicht unbedingt gelungene Wortwahl meinerseits war. Unter uns Detektiven gibt es einen ganz bestimmten Ausdruck für derartige sprachliche Missgeschicke: Scheiße.

            „Sexismus also, ja?“, erwiderte sie trocken. Ich entschied mich die schroffe Detektivleier zu spielen – klappt meistens – und zuckte mit den Schultern.

            „Berufskrankheit. Damit müssen Sie wohl rechnen, Lizzie.“

Eine harte Backpfeife traf mich auf der rechten.

            „Hat Sie das auch unerwartet erwischt, DeVille? Ich verbitte mir eine derartige Umgangsweise und erwarte ab sofort ein professionelles Verhalten Ihrerseits, denn diese Scheißattitüde werde ich mir nicht antun. Ist das klar?“

            „Ja Ma’am, glasklar! Bitte um Verzeihung!“
Leck mich, tat das weh. Ich bin sicherlich nicht der Erste, dem sie eine verpasst hat, wenn auch verdientermaßen. Ich fühlte mich ein bisschen wie im Klischee des alten Ehepaars, denn ich stand hier eindeutig unterm Pantoffel, so schnell wie ich eingeknickt bin.
Außer Lizzie und mir befand sich keine Menschenseele in der Lagerhalle. Diverse Container standen an den Raumseiten, von welchen ein leicht fischiger Geruch ausging. Ein wenig zu leicht, dafür, dass diese doch mit dem Meeresvieh beladen sein sollten, wie ich feststellte. In der Raummitte befand sich ein kleiner Tisch samt Stuhl – und auf diesem stand ein einsames Glas Milch.

            „Sie haben Glück“, sagte Lizzie.

            „Glück?“, fragte ich. Sie nickte. „Das Milchglas ist noch da.“

            „Hier ist ja auch niemand, der es stehlen könnte. Geschweige denn würde, vermute ich.“

            „Das meine ich nicht, DeVille.“ Sie führte mich zu einem der Container. „Schauen sie mal“, sagte Lizzie und öffnete diesen. Eine Lawine von gebrochenem Eis kam uns entgegen. Kein einziger der Fische war inmitten der Blechtonne gelagert.

            „Läuft das Geschäft nicht mehr?“, fragte ich. Ein Kopfschütteln ihrerseits. „Ganz im Gegenteil, ehrlich gesagt. Doch all der Fisch, welchen wir hier lagerten, ist fort – ganz offensichtlich. Keine Einbruchsspuren, keine Hinweise darauf, dass jemand die Container öffnete, geschweige denn die Fische entwendete. Und selbst wenn – alle Fische, welche sich in diesen Unmengen von Eis befinden, minuziös entwenden und dieses wieder reinwerfen? Unwahrscheinlich, dass jemand sowas tun würde. Das wäre doch etwas verdächtig. Komisch, finden Sie nicht?“ Ich stimmte nickend zu. In der Tat, überaus ungewöhnlich. Lizzie schaute konzentriert in die Luft.

            „Schon wieder“, murmelte sie vor sich hin. „Haben Sie das gehört, DeVille?“

            „Was gehört?“, fragte ich irritiert. Sie schnappte mich an den Schultern und drehte mich wieder in Richtung des Tisches. Das Milchglas war fort. Ich halluziniere, oder?, dachte ich mir. Ich blinzelte ein paarmal, um sicherzustellen, dass das Glas wirklich nicht mehr auf dem Tisch stand. Aber das änderte nichts, es war weg. Lizzie schaute durch den Raum und fixierte letztendlich ihren Blick.

            „Da oben, schauen Sie mal“, sagte sie. Die Container waren stapelweise angehäuft, beinahe bis zur Decke der Halle. Dort an der Spitze stand es – das Milchglas. Den eigenen Augen nicht trauen, hielt ich bisher nur für eine Redewendung, doch jetzt…

            „Kommt man da irgendwie hoch?“, fragte ich.

            „Wir haben eine Leiter“, sagte sie. „Riesiges Teil, ich müsste Ihnen von unten eine Stütze geben, wenn Sie da hochklettern wollen.“

            „Dann tun wir das“, entschied ich. Lizzie und ich schnappten uns die Leiter gemeinsam und platzierten sie senkrecht bis zur Spitze der Container.

            „Vorsichtig klettern. Privatdetektive mit gebrochenem Rücken sind nicht preiswert.“

            „Nur nicht zu viel mütterliche Fürsorge, Lizzie. Am Ende denke ich noch, dass Sie mich gar nicht mal so scheiße finden.“

Ich kletterte bis an die Spitze, während Lizzie mir halt gab, und da sah ich es. Ich versuchte mir das Glas zu schnappen, doch beim Versuch der Berührung verschwand es erneut, mit einem Laut, für den die korrekte onomatopoetische Bezeichnung bisher wohl noch nicht erschaffen wurde, weshalb ich sie an dieser Stelle gerne aufstellen würde: Shuuwapp.
Scheiße, dachte ich mir. Das Teil teleportiert sich! An dieser Stelle möchte ich mit einem weiteren Klischee abrechnen, doch diesmal nicht meiner eigenen Profession entstammend. Hollywood machte uns weiß, dass beim Prozess des Teleportierens eine Art Raumkrümmung von statten gehen würde. Die Faser der Realität biegt sich und verschlingt den darin befindlichen Gegenstand. Oder etwas löst sich vereinzelt in Partikel auf, sodass das prozedurale Verschwinden tatsächlich zu beobachten ist. Nun, für Filme mag dies ansehnlich sein, doch wie ich nun bestätigen kann, ist dies de facto falsch. Teleportation verhält sich eher wie ein schlechter Vater: Von einem Augenblick zum nächsten ist er fort.

            „Lizzie?“, brüllte ich runter. „Wissen Sie, wo das Glas ist?“

            „Nein!“, brüllte sie hinauf.

            „Okay“, sagte ich. „Nun – ich auch nicht. Also, nicht mehr.“

Ich stieg die Leiter wieder hinab und wandte mich erneut an Lizzie.

            „Sie wollten eine Evaluation, nicht?“ Lizzie nickte.

            „Also. Die schlechte Nachricht ist, Sie haben ein teleportierendes Milchglas in ihrer Lagerhalle, welches – wenn ich das richtig verstehe – gerne Fische entwendet.“

            „Wollen Sie noch eine Ohrfeige, DeVille?“

            „Passt schon, danke. Die gute Nachricht hingegen ist, dass die Erde insgesamt 510.000.000 Quadratkilometer an Fläche umfasst, wovon wir bereits 360.570.000 Quadratkilometer Wasserfläche abziehen können, da ich bezweifle, dass ihr Milchglas sich dort aufhält, wodurch insgesamt 149.430.000 Quadratkilometer Landfläche überbleiben. Davon können wir einen weiteren Quadratmeter abziehen, denn da oben ist das Glas schon mal nicht! Sie fragen sich nun sicher, wie viel Fläche dabei überbleibt? Tja, virtuell dieselbe, wodurch wir einen Fortschritt von etwa 0% haben. Aber hey, wir sind schon mal auf 149.430.000 Quadratkilometer runter. Hurra!“ Lizzie schaute mich überaus irritiert an. Oder wütend. Zugegeben war ich mir da nicht sicher, doch holte sie schon mal nicht zur Ohrfeige aus.

            „Tschuldigung“, sagte ich. „Ich war mal Steuerberater. Das Hantieren mit Zahlen ist eine alte Gewohnheit, nehme ich an – oder in diesem Fall bloß schlechter Humor. Aber Spaß beiseite: Die gute Nachricht ist, ich habe tatsächlich eine Idee – und wenn diese stimmt, dann kriege ich das eventuell hin.“

Shuuwapp.

*          *          *

Meine These war recht einfacher Natur – und Lizzie schien keineswegs überzeugt. Zugegeben war die Idee zwar recht aberwitzig, doch sagte mein Bauchgefühl mir, dass ich auf der richtigen Spur bin – und Intuition ist der beste Freund von Intelligenz, habe ich mal in einem Glückskeks gelesen. Lizzie gab mir noch ihre Handynummer mit, falls sich irgendwas Neues zum Fall auftut, wenn auch wir beide unsere Zweifel hieran hatten. Vorsicht ist jedoch bekanntlich keine Schande.

            Für heute war meine Arbeit getan und ich machte mich auf den Weg in meinen Büro-Wohnungshybriden. Das Mehrfamilienhaus, in welchem ich einst wohnte, habe ich längst hinter mir gelassen. Die Gründe hierfür waren vielseitig:

  1. Privatdetektive brauchen den Nervenkitzel stets an ihrer Seite. Ein Haus, in welchem seit Jahren kein Einbruch mehr stattfand, bietet hierfür schlichtweg nicht das richtige Ambiente.
  2. Das Haus hatte einen Garten. Kein kredibiler Privatdetektiv hat einen Garten. Die Gegend war eindeutig nicht verrucht genug.
  3. Mein Mietvertrag wurde aus Gründen, welche ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, gekündigt.

Mittlerweile wohnte ich in einem runtergekommenen Haus in der im Billigviertel der Stadt gelegenen Quinn Street, welches jedoch genau das Flair hatte, welches ich mir wünschte. Weiterhin hatte ich viel Geld zurückgelegt und sicherlich hätte ich mir eine teurere Wohnung leisten können, doch bestand daran kein Interesse meinerseits.
In der Wohnung unter mir schrie sich ein ungarisches Ehepaar an, in der über mir knarzte die Matratze, wenn Ayline mal wieder einen Kunden mitbrachte und gegenüber war Mister Morris, ein alter seniler Mann, welcher manchmal einfach nur im Türrahmen stand und mit seinem grauen Star wacht über den Etagenflur hielt. Das war das richtige Ambiente.

            Eine verschwommene Glasscheibe befand sich an der oberen Hälfte meiner Wohnungstür, an welcher in bronzenen Lettern stand:

Henry DeVille
Private Investigator

Unterhalb des Textes war ein gleichfarbiges Auge aufgedruckt. Etwas klischeehaft, zugegeben, doch muss ein Detektiv nicht das Branding der eigenen Berufsgattung neuerfinden.

            Ich fummelte durch meine Manteltasche, zückte meinen Schlüssel und schloss kurzerhand die Haustür auf. Man hätte meinen können, dass einem eine Wolke grünen Dunstes entgegenschwebt, sobald man die Tür öffnete, doch war meine Wohnung nicht etwa unhygienisch, wir hatten schlichtweg ein Tote-Ratten-hinter-den-Hauswänden-Problem, welchem die Verwaltung sich bisher noch nicht annehmen wollte.
Gott, ich liebe dieses Drecksloch.

            Ich schmiss Mantel und Hut auf einen kleinen Kleidungsständer hinter meiner Haustür und wollte mir beim Kühlschrank etwas zu essen schnappen. Auf Carmines Empfehlung hin habe ich mir nichts zu knabbern eingepackt, weshalb ich im Verlaufe des Tages ziemlichen Kohldampf bekam. Mit Ausnahme eines Sandwiches beim Imbiss gegenüber hatte ich noch nichts zu futtern und mein Magen schrie mich förmlich an, das mal künftig zu ändern.

            Meine Wohnung war klein und gab nicht viel her. Ein Zimmer hinter der Eingangstür, in welchem mein Schreibtisch stand samt Laptop, sowie einzelner Aktenschränke, einem Bücherregal und einer Flasche Scotch. Der Raum, in welchem ich mit Carmine saß. Vom Bürozimmer aus folgte ein kleiner Flur, welcher an Küche, Badezimmer und letzten Endes Schlafzimmer anschloss. Eine kleine, bescheidene Bruchbude mit insgesamt 42qm² – doch war ich ohnehin nicht viel Zuhause.

            In der Küche angekommen öffnete ich meinen Kühlschrank und durchforstete diesen nach was Essbarem. Die Auswahl war mager. Käsewürfel, ein Block Schinken, Fisch in der Konserve, Eier, ein halber Apfel, ein Stück Pizza vom Vortag – und ein Glas Milch. Das Glas Milch.

            Nein, kleines Späßchen – das echte Leben ist im Normalfall weder so einfach noch klischeehaft, als dass dir ein Glas Milch nach Hause folgt.

            Ich schnappte mir das Stück Pizza, schmiss die Mikrowelle an und bestreute das neu erhitzte Endprodukt mit etwas getrocknetem Basilikum, damit es auch wieder nach was schmeckte.

            Es war bereits abends und dieser gehörte mir, weshalb ich mich dazu entschloss, gemütlich vom Bett aus etwas fernzusehen. Mein Fernseher war ein sehr altes Modell. Noch so ein Röhrenteil mit einer dicken Box hinterm Bildschirm – kein Flatscreen. Ich stellte den Pizzateller auf meinen Nachttisch, zog mir einen Schlafanzug an – auch Privatdetektive dürfen bequeme Pyjamas tragen – und legte mich hin, um mir die Fernbedienung zu schnappen. Im Fernsehen sollte heute Stirb Langsam laufen und das wollte ich mir sicherlich nicht entgehen lassen. Nach mehrfachem Drücken der Fernbedienung musste ich feststellen, dass die Batterien wohl defekt waren, weshalb ich die Flimmerkiste wohl manuell anschalten musste.

            Ich hockte mich vor, bereit den Power-Knopf unterhalb des Bildschirms zu betätigen – bis ich für einen Moment zögerte.

            Ach du Scheiße, dachte ich mir. Ich sprang auf und öffnete die Rückseite meiner Fernbedienung. Keine Batterien.

            Aus meiner zuvor ausgezogenen Jeans fummelte ich mein Handy und wählte die Nummer von Lizzie.

            „Hallo?“

            „Lizzie? DeVille hier. Sie werdens nicht glauben. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir nach Hause.“

            „Ich hatte Ihnen gesagt, wenn sie nochmal einmal sexistisch werden, dann–“

            „Ich flirte doch nicht mit ihnen, Mensch. Quinn Street 39 – beeilen Sie sich. Und bringen Sie doch bitte einen Schraubenzieher mit, ja?“

*          *          *

Lizzie und ich saßen beide vorm Fernseher und starrten auf den Bildschirm.

            „Ich glaubs nicht“, sagte Lizzie.

            „Glauben sie nun meiner These?“

            „Sie könnte einen wahren Punkt haben, ja“, gestand sie ein. „Ob Sie recht haben, wissen wir dennoch mit keiner feststehenden Wahrscheinlichkeit.“

            Lizzie trug mittlerweile statt ihres förmlichen Business-Anzugs eine normale Sportjacke samt Jogginghose, welche sie allerdings nicht weniger autoritär machte.

            „Manchmal ist das Leben einfach und klischeehaft“, sagte ich mit einem leichten Schulterzucken. „Geben Sie mir bitte den Schraubenschlüssel, Lizzie?“

            Ich entferne die Kleinteile aus Metall um den Bildschirm herum, um diesen letztendlich abzunehmen. Dahinter verbarg sich, klar und deutlich, das Milchglas aus der Lagerhalle. Lizzie streckte ihre Hand aus, doch hielt ich diese zurück.

            „Dann ist es gleich wieder weg“, erklärte ich.

            „Haben Sie eine bessere Idee, DeVille?“

            Ich reagierte auf die Frage nicht. Stattdessen fragte ich: „Wissen Sie, was ich sehr interessant finde?“

            Lizzie schüttelte ihre Hand in einer Geste, welche so viel bedeutete wie „Keine Ahnung“.

            „Wir lagen in einer Annahme falsch. Das Ding lässt nicht nur Essen verschwinden, sondern allgemein Objekte jeder Art. Die Batterien aus meiner Fernbedienung – weg, verschwunden, puff.“

            Lizzie schaute mich skeptisch an. „Sicher, dass Sie die nicht einfach vergessen haben?“

            Ich schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein, heute Morgen erst gewechselt bevor Carmine kam. Dachte zuerst, die Teile funktionieren einfach nicht, bis ich gesehen habe, dass gar keine drin sind. Eins ist hieran allerdings noch bemerkenswerter als unsere Fehlannahme.“

            „Sind wir hier in einem Agatha Christie-Roman? Lösen Sie auf, Miss Marple.“

            Ich ließ einen leicht genervten Seufzer heraus. „Warum die Batterien?“

            „Was?“

            „Warum die Batterien“, wiederholte ich. „Denken Sie an meine These, Lizzie.“

            Sie grübelte für einen kurzen Moment. „Es wollte gefunden werden.“

            Ich nickte darauf. „Es spielt Fangen, oder auch Verstecken mit uns. Es hat die Batterien verschwinden lassen, damit ich zum Fernseher muss und es dort finde.“

            „Warum ist es überhaupt hier?“, fragte Lizzie.

            „Wissen Sie, wie wenig Spaß ein Spiel bereitet, wenn man es allein spielen muss?“

            „Nein, ich war immer sehr beliebt in der Schule.“

            Ein sarkastisches „Schön für Sie“ entsprang mir. „Wollen wir meine These auf den letzten Test stellen?“

            Ich griff also doch nach dem Milchglas, worauf es selbstverständlich mit einem Shawuup verschwand. Wir beide tasteten uns vor und fanden es als nächstes am Spülbecken in der Küche vor. Shawuup. Danach nun doch im Kühlschrank. Shawuup. Auf meinem Bürotisch. Shawuup.

            „Ich glaube, es will aus der Wohnung raus“, sagte ich. Wir öffneten die Tür zum Hausflur und stellten fest, dass es nun dort stand.

            „Guten Abend, Mister Morris“, sagte ich zu eben diesem, der weiterhin in seinem Türrahmen stand und mich mit seinem Blick kaum erfasste. „Der Gute ist fast so blind wie taub“, erklärte ich Lizzie. „Gehen wir einfach weiter.“

            Das Milchglas begab sich in der Tat immer weiter das Haus herunter, hinab bis zur Straße, diese weiter entlang in den nächstgelegenen Stadtpark, wo es auf einer etwa acht Meter hohen Statue zu Ehren des lokalen Unternehmers I.M Cawfee stand.

            „Leck mich“, sagte ich.

            „Das war ja ein spaßiger Ausflug zum Abend, DeVille, aber ich befürchte, dann müssen wir uns hier auch geschlagen geben.“

            „Schwachsinn“, erwiderte ich frustriert. Jetzt hatte mich der Ehrgeiz erst so richtig gepackt. Die Statue befand sich auf einem Block aus Marmor, welcher zwei der acht Meter bereits für sich beanspruchte.

            „Geben Sie mir mal ne Räuberleiter, Lizzie.“

            Sie rollte entnervt mit ihren Augen und faltete ihre Hände so zusammen, dass ich meinen Fuß hineinsetzen konnte. „Bevor ich Ihnen einen Schub gebe, möchte ich klarstellen, dass ich das für eine schreckliche Idee halte und falls sie runterfallen, werde ich den Krankenwagen rufen, sie aber nicht begleiten.“

            „Ich liebe unsere Zusammenarbeit – ich wollte schon immer mal einen Fall mit einem Soziopathen.“, antwortete ich.

            Lizzie beförderte mich mit einem Satz hoch und ich begann hinaufzuklettern. Es war dunkel und die Statue an sich lud nicht unbedingt zur Akrobatik ein – und damit meine ich nicht, dass das auch noch verboten war, doch muss man als Privatdetektiv manchmal die Grenzen des Gesetzes überschreiten.

            Die Statue Cawfees war einst aus der schönsten Bronze, welche nun jedoch nur noch eine Mixtur aus grün und schwarz bildete. Vor seiner Brust hielt er eine Tasse Kaffee, den anderen Arm verschränkte er an seine Hüfte. Auf seinem Kopf befand sich ein beeindruckender Zylinder, auf welchem wiederum das Glas stand. Die Beine konnte ich gerade noch erklimmen – so wie man sich die ersten zwei Meter eines Baumes hochhangeln kann – und fand somit griff am verschränkten Arm. Ich zog mich an diesem hoch und sprang von dort aus zur Hand mit der Kaffeetasse, woraufhin ich beinahe herunterfiel, doch konnte ich mich knapp am Henkel der Tasse festhalten.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße“, fluchte ich vor mich hin.

„Passen Sie auf, DeVille!“, brüllte Lizzie von unten herauf, was in etwa so hilfreich war wie eine Sonnenbank im Sommer. Mit einem kräftigen Schwung schaffte ich es auf den Arm und begann diesen behutsam zu erklimmen. Zwar war die Fläche des Armes relativ breit, doch war die Form rund und sich ab dem Ellenbogen nach oben krümmend, was eine recht kurze Distanz doch zu einem Drahtseilakt machte, welchen ich nichtsdestotrotz bewältigte, indem ich den Arm der Statue mit den meinen umschloss und wie eine Raupe nach oben krabbelte.
Meine Großmutter pflegte zu sagen, man solle sich lieber zum Idioten machen als sein Genick zu brechen. Bisher verstand ich das mehr im übertragenen Sinne, doch auch wortwörtlich hat es durchaus seine Anwendungsbereiche und ich weiß ihre Weisheit zu schätzen.

An der Schulter angekommen stellte ich mich aufrecht und sagte mit erhobenen Daumen zu Lizzie: „Ich lebe!“

„Noch“, antwortete sie und zeigte auf den Zylinder. Ich nickte verstehend.

Mit einem Sprung nach oben fasste ich das Ohr des Unternehmers, zog mich an diesem hinauf und konnte von dort aus den Rand des Zylinders erklimmen, welcher leicht knarrte. Ich atmete einmal tief ein und aus. Aufpassen, alter Knabe, du willst deine gesamten Ersparnisse nicht für Schadensersatz aufbrauchen, sagte ich mir. Mit einem kräftigen Satz nach oben schaffte ich es auf den Zylinder und sah dort das Milchglas. Langsam griff ich nach ihm – und spürte es in meiner Hand. Gerade, als ich Lizzie sagen wollte, dass ich es habe, hörte ich es. Doch diesmal nicht mit meinen Ohren, nein, vielmehr kam es aus meinem Inneren: Shawuup.

*          *          *

Ich war nicht mehr auf der Statue. Nicht einmal in meinem Viertel, meiner Stadt, meiner Welt. Das Milchglas hatte mich in einen Kosmos entführt, welcher meine kühnsten Vorstellungen überstieg und welchen ich nur für einen Bruchteil, wenige Sekunden, miterlebte.

Ein unendliches Lila schien mich zu umgeben, durchströmt von schwarzem Dunst. Durch die Luft schwebte eine Unmenge toter Fische und – worauf ich einen schnellen Blick erhaschte – ein paar Batterien. Doch war dies nicht das Einzige, bei Weitem nicht. Bücher, die in V-Formation davonflogen, Spielzeug, das sich bewegte, wie ein Kind es zu tun vermochte. Fernseher, welche durch die Gegend rollten, ein Meer aus Kühen oberhalb von mir, in Schwebe gemeinsam muhend. Blumen, wie ich sie nie zuvor gesehen habe, Möbel aller Art, die sich entgegen jeder Physik stapelten und im Zentrum von allem, fokussiert durch einen einzelnen, schimmernden Lichtstrahl, welcher keinen Ursprung zu haben schien, eine sich im Flug rotierende Kaffeetasse, platziert auf einem tempelartigen Podest.
Nichts schien hier einen Sinn zu ergeben – es war absoluter Nonsens – und ich dachte mir nur eins: Das wird mir niemand glauben.

            Kaum konnte ich meinen Gedanken beenden – und ich war wieder fort.

*          *          *

Mit einem Shawuup landete ich neben Lizzie und knallte direkt auf den Boden – ohne Milchglas.

            Sie schreckte kurz zurück und fragte darauf: „Wo zur Hölle waren Sie?“

            Ich zögerte einen Moment. Ich hatte keine direkte Antwort, weshalb ich einfach sagte „I-ich weiß auch nicht genau“, doch erzählte ich ihr von allem, was ich gesehen habe.

*          *          *

Eine Woche später trafen Lizzie und ich uns in ihrem Büro. Zum einen wegen der Bezahlung, zum anderen wegen dem, was ich gesehen habe. Das Gespräch über den Fall selbst war zumeist recht langweilig – doch nicht dieses. Wie könnte es auch?

            Ich nahm an Lizzies pompösen Schreibtisch Platz und wollte fragen, ob ich rauchen kann – doch allein ihr Blick genügte als klares Nein.

            „Ich habe etwas Recherche angestellt, Henry“, begann sie.

            „Wir sind jetzt beim Vornamen, ja?“

            Ein spottendes Pf verließ ihre Lippen. „Bei alledem soll ich noch irgendwelche Formalitäten aufbringen? Sicher nicht, kannst du knicken.“

            „Ich bin ohnehin kein Freund vom Siezen“, gestand ich ein. Lizzie warf mir ein dickes, in Leder gebundenes Buch zu und ermutigte mich mit einer dementsprechenden Handgeste es zu öffnen. Sie hatte eine Passage mit einem Lesezeichen markiert.

            „Was ist das?“, fragte ich.

            „Das Buch eines Okkultisten“, antwortete sie. „Gut 200 Jahre alt, kein Name bekannt – und Okkultismus ist wohl auch nicht die aktuellste Wissenschaft. Doch glaub mir, der Inhalt wird dich interessieren.“

            Ich schlug es auf und las Folgendes:

An welche Orte Zebediah mich bloß führt! Verdammter Scharlatan und Trickser; wie Leid ich seines Spiels doch bin. Doch muss ich gestehen, dass diese Welt mich zu interessieren wusste – nur selten findet man so viel Irrsinn an einer Stelle akkumuliert. Wo der Irrsinn lauert, lauert auch das Wunder und Unentdeckte.

              Ich sah Gegenstände, welche mir noch völlig fremd waren. Boxen aus Metall versehen mit Glas (Notiz: Keine Funktion dieser konnte ich feststellen. Vielleicht zukünftiges Dekor?). Doch auch viel Vertrautes erblickte ich. Bücher stapelten sich in Unmengen sowie diverses Mobiliar. Blumen ragten über purpurnen Wiesen, an welche ich mich nie zu sehen entsinnen konnte. Teils scheinen die Gegenstände sich zu bewegen als wären sie Getier, doch habe ich mittlerweile weitaus Ungewöhnlicheres zu Gesicht bekommen.

              Ich fragte Phoebia, was es mit diesem Ort bloß auf sich hat und sie sagte mir, es handle sich hierbei um das Ridiculum. Ein Ort, welchen nur die wenigsten aller je sehen werden. Der Nächste erst in 200 Jahren! Ein Ort, welcher gänzlich anders als die uns bekannte Welt funktioniert. Vieles gibt es in diesem noch zu erforschen und ich erwarte es mit Wehmut. Bedauern tue ich nur, meine Tasse Kaffee vergessen zu haben. Wohin damit?

Ich blickte entgeistert vom Buch auf.

            „Du verarschst mich, oder?“

            Lizzie schüttelte ihren Kopf. „Keineswegs, nein. In der Staatsbibiliothek durch Zufall entdeckt. Es gibt kein einziges, weiteres Exemplar, weshalb ich es mir auch nur mit guten Kontakten ausleihen könnte – doch steht dort alles geschrieben.“

            Sie reichte mir die Bezahlung in Bar – eine saftige Summe – über den Tisch und nahm das Buch wieder an sich.

            „Das wird dann dein nächster großer Fall, was? Henry DeVille und das Ridiculum“, sagte sie, mit einem gespielt schaudernden Wackeln ihrer Hände.

            Ich steckte das Geld ein und schüttelte den Kopf. „Das ist dann wohl auch zu groß für mich“, gestand ich ein. „Es sei denn, es ergibt sich was.“

            Lizzie lächelte daraufhin. „Glaubst du, wir sind das Milchglas los?“, fragte sie.

            Ich zuckte mit den Schultern. „Schätze schon. Das Spiel ist vorbei – warum weitermachen?“

            Uns beiden gingen noch viele Fragen durch den Kopf, doch beließen wir es fürs Erste hierbei. Ich stand auf und begab mich zur Tür.

            „Lizzie?“, begann ich. Sie schaute auf und ich drehte mich zu ihr. „Dürfte ich dich eventuell zu einem Date einladen?“

            „Definitiv nicht, nein.“

            „Okay“

Ein weiterer Mythos, mit welchem ich an dieser Stelle aufräumen möchte: Das Leben ist im Normallfall weder einfach noch klischeehaft.

*         *         *

Henry ließ mir diese Geschichte postal zukommen, da ich wohl schon die letzte so schön zu Papier brachte, wenn auch der Name „Zwiedentität“ seiner Meinung nach etwas schludrig sei. Doch im Gegensatz zur letzten wird ihm diese hier wohl keiner abkaufen. Auch ich weiß nicht, was ich hiervon halten soll – Lizzie sagt nicht viel. Ich weiß nur eins: Die Realität ist manchmal schrecklich komplex. Andererseits: Wäre all dies erlogen, hätte in Henrys Fassung Lizzie zum Date wohl zugesagt.

Wer weiß.

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