Violinenspiel

Die Menge versammelte sich zum Tag der Hinrichtung. Vor wenigen Wochen besuchte ein Weißer das kleine afrikanische Dorf, bezeichnete sich als Gast, und lebte im Prunk der wenigen Ressourcen, über welche das Dorf verfügte. Er nahm sich, was er kriegen konnte und erklärte dies als Gastfreundschaft. Es stünde ihm zu, so sagte er. Nichts brachte er außer einer Violine, nicht einmal einen Namen, und wenn er diese bei Nacht spielte, raubte er den Anwohnern zusätzlich zum Essen den Schlaf. Man versuchte ihn zu vertreiben. Der Anführer erklärte, man könne sich seinen Aufenthalt nicht mehr leisten. Sein Violinenspiel mache den Kindern Angst und man bat ihn zu gehen, doch der Weiße Mann weigerte sich.

             „Dies ist nun auch meine Heimat“, erklärte er und so sei es sein gottgegebenes Recht gewesen, dass die Einwohner ihm weiterhin ihre Gastfreundschaft erweisen. Der Anführer des Dorfes beschloss ihn zu hängen. Eine Entscheidung, welche ihm nicht leichtfiel, doch eine laut ihm notwendige. Er wollte nicht gehen, er ließ sich nicht vertreiben und die Vorräte wurden knapp. Als man ihm keine mehr zukommen ließ, plünderte er bei Nacht. Ein Strick wurde am höchsten Baum des Dorfes montiert und dort solle er heute seine letzte Ruhe finden. Die Ansässigen griffen den Weißen Mann am Arm und brachten ihn zum Baum. Nackt bis auf die Lenden und mit der Violine weiterhin in seiner Hand. Diese solle ihm verbleiben, beschloss der Anführer.      

            „Wenn du letzte Worte hast, spreche sie jetzt“, sagte er dem zum Tode Verurteilten. Der Weiße Mann nickte, die ihn Tragenden führten seinen Kopf bereits durch die Schlaufe des Galgens, wartend auf seinen sinnbildlichen Epitaphen.

            „Ich spiele euch das Lied vom Tod.“

 Sie ließen los. Der Weiße fiel und sein Genick brach in einem lauten Knacken. Der nun Tote schwankte am Baum, die Violine weiterhin fest von seiner Hand umschlossen – und Lamia hätte schwören können, dass seine leblosen, sich mit Blut füllenden Augen Kontakt zu den ihren herstellten.

*          *          *

Der Leichnam solle hängen bleiben, beschloss der Anführer. Lange genug habe der Weiße Mann in der Dorfesgunst gelebt, das Beibehalten seines Instruments sei der letzte Gefallen, den man ihm erwies. Nun sollten die Raben ihn haben – und diese kamen. Doch fraßen sie den Weißen Mann nicht. Die Schildraben setzen sich auf seinen Kopf, seine Schultern und die Baumzweige, ließen ihn allerdings unberührt. Auch die Insekten, welche ihn hätten zerfleischen und seinen Leichnam als Brutstätte nutzen sollen, sammelten sich um den Weißen. Sie schwirrten um ihn wie eine Art Umhang, doch anrühren taten sie ihn genauso wenig.

            „Anderes Fleisch“, dachte sich Lamia, welche tagsüber auf dem Feld den Toten beobachtete. „Sie werden ihn noch fressen.“

Auch nachts beobachte sie den Weißen Mann und das Ungeziefer umgarnte ihn weiterhin, ohne ihn auch nur anzunagen. Die Leiche schwankte einfach nur am Baum, unberührt von den Aasfressern.

            „Ist er denn tot?“, fragte sich Lamia. Er müsste tot sein. Wäre er nicht am Genickbruch umgekommen, wäre ihm jetzt der Atem genommen. Sie legte sich schlafen und war sich sicher, eine leichte Melodie vernommen zu haben.

            „Einbildung“, sagte sie sich. Der Weiße Mann spielte seine Violine stets zur Nacht und dies war die erste ohne sein Musizieren. Nun eine Melodie zu vernehmen, sei das Ergebnis bloßer Gewohnheit. Keine Melodie, nein. Kein Violinenspiel. Das Einzige – da war Lamia sich sicher -, das sie hören sollte, konnte, war das Krächzen der Raben, das Surren der Insekten und gelegentliche Flügelschläge. Die Melodie, welche diese zu begleiten schien, war nichts als ein Hirngespinst. Nur Krächzen und Surren, Krächzen und Surren, Krächzen und Surren…

*          *          *

Das Dorf war beunruhigt. Selbstverständlich stellte nicht nur Lamia fest, dass der Weiße Mann unangerührt blieb. Er schwankte im Schatten des Baumes und die Aasfresser umdeckten ihn. Sein Bauch blähte sich auf und Blut quoll aus seinen Mundwinkeln, die Augen liefen rot an und trockneten aus. Das geschah mit Toten, so viel wussten sie. Genau das war der Weiße Mann: tot. Offensichtlich. Doch warum fraß ihn das Ungeziefer nicht?

Man wandte sich an den Anführer des Dorfes und genau wie Lamia sagte er: „Anderes Fleisch. Sie werden ihn noch fressen.“

Das Dorf glaubte ihm, doch die tägliche Arbeit verlief schleppend. Zu viele Blicke haschten auf den Toten, Skepsis machte sich breit.

            „Anderes Fleisch? Pah! Wir sind verflucht, wir hätten ihn nicht töten dürfen!“, sagte einer der Ansässigen. Einige stimmten ihn zu, doch erwiderte der Anführer, der Weiße könne kein Test gewesen sein, wie manche nun vermuteten. Zu hinterlistig sei dieser, wenn auch sein Gastsein deren Ruin beschert hätte. Eine solche Prüfung sei immer gerecht. Eine Ansässige sprach sich für einen rationaleren Umgang aus.

            „Was, wenn mit der Leiche etwas nicht stimmt?“, fragte sie. „Wir sollten sie untersuchen. Dann wissen wir mehr. Schildraben sind klug – und intuitiv. Wenn sie die Leiche nicht anrühren, dann werden sie ihre Beweggründe haben.“

Der Anführer erachtete diesen Vorschlag für sinnvoll und befahl einem seiner Männer, den Leichnam zu untersuchen.

            „Das sind Aasfresser“, sagte er. „Wenn sie den Leichnam nicht anrühren, dann werden sie auch dich unangerührt lassen.“

Der Mann gestand sich ein, dass er Angst hatte. Angst, vor dem Weißen Mann und dem, was er zu tun vermochte, doch die Worte des Anführers beruhigten ihn. Das ganze Dorf beobachtete ihn und mit seinen Freunden und seiner Familie im Rücken, war er sich sicher, der Weiße Mann könne ihm nichts tun. Schritt für Schritt näherte er sich dem Leichnam. Der Kies knirschte unter seinen Fußsohlen und er spürte die Spitzen Steine an diesen. Den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr lief er auf Kies. Er nahm ihn kaum noch war – warum jetzt? Mit jedem Schritt wurde das Stechen der Steine schlimmer. Er war angespannt. Aufgeregt. Deshalb. Tausend kleine Nadeln rammten sich im gleichmäßigen Takt in seine Füße, mit jedem Schritt mehr und mehr und mehr. Zitterten seine Knie deswegen oder vor Angst? Er wusste es nicht. Das Surren und Krächzen wurde lauter. Lauter und lauter, mit jedem Schritt. Einige Mitglieder des Dorfes riefen ihm etwas hinterher, jubelten ihn an. Er schaffe das. Doch hörte der Mann nichts. Nur ein stetiges, lautes Surren und Summen mit dem gelegentlichen Krächzen und Flattern zwischendurch. Er spürte, wie die Schildraben ihre Blicke nun auf ihn fixierten. Wie Beute fühlte er sich. Tausend Nadeln. Die Insekten umgaben den Toten, als wären sie sein Schutz. Nur noch wenige Schritte. Wenige Schritte auf Tausend Nadeln. Die Raben fixierten ihn. Der Leichnam war in Reichweite. Der Mann war in Reichweite. Er streckte seinen zitternden Arm aus, durch den dicken Insektenmantel hindurch. Das Surren war unendlich laut, er hörte nichts anderes mehr. Die Raben fixierten ihn. Tausend Nadeln. Er spürte die Brust des Toten an seiner Hand. Mit der Berührung der Brust drehte sich der Kopf des Leichnams schlagartig um und nun fixierte auch sein Blick ihn. Seine ausgetrockneten, toten Augen starrten ihn an. Die blutigen Mundwinkel des Weißen Mannes formten das leblose Gesicht zu einer Grimasse mit verschmitztem Lächeln.

Ein unsagbarer Schock durchlief seinen Körper. Tausend Nadeln. Fixierte Blicke. Er hörte eine Violine im Hintergrund. Ein sonores, düsteres Spiel und der Blick des Toten ließ ihn nicht los. Die Leiche schwankte am Baum. Schneller. Und schneller. Noch schneller. SCHNELLER!

Der Mann schrie auf und rannte so schnell vom Weißen fort, wie er nur konnte. Weiterhin, Tausend, nein, mehr Nadeln. So unendlich viele Nadeln! Seine Füße bluteten. Jeder Schritt hinterließ einen schlammartigen Abdruck im orangenen Kies. Die Raben folgten ihm sofort und krächzten ihm ins Ohr, hämmerten ihre Schnäbel in seine Hände, zerkratzen seinen Schädel mit ihren Krallen, wollten seine Augen, seine Nägel, seine Finger und Zehen, wollten ihn und dann: Nichts. Sie flogen zurück. Der Mann kauerte am Boden, blutüberströmt und verwundet.

            „Sie ist verflucht“, sagte er mit zitternder Stimme. „Die Leiche ist verflucht. VERFLUCHT, VERDAMMTE SCHEIßE!“

Er brach in Tränen aus und kauerte im Dreck. Das gesamte Dorf erstarrte. Die Raben saßen beim Weißen Mann – und die Insekten bildeten seinen Mantel.

*          *          *

Das Dorf wusste nicht, was es tun sollte. Der Leichnam wurde dem Anschein nach vom Ungeziefer beschützt. Sich ihm anzunähern, war unmöglich. Erste Ansässige packten ihre Sachen zur Abreise. Sie wussten nicht wohin, geschweige denn, ob sie es schaffen würden. Die Welt außerhalb des Dorfes war gefährlich. Doch in einem Dorf zu bleiben, auf dem ein Fluch lag, bedeutete den sicheren Tod. Eine Sache von Chance. Im Morgengrauen würden sie ihre Abreise antreten. Bis dahin, und da waren sich alle einig: Schlaf. Der Anführer riet dazu.

            „Wir brauchen Ruhe. Viel Ruhe. Die heutigen Ereignisse waren schockierend und bevor wir wissen, was zu tun ist, sollten wir Schlaf finden. Ausgeruht denkt es sich besser.“

Lamia dachte darüber nach, wie die Leiche sie nach der Hinrichtung anstarrte. Als der Weiße Mann noch lebte, blickte er sie oftmals an. Öfter als die anderen Frauen im Dorf – und zwar mit einer ekligen Begierde. Der Weiße Mann nahm sich, was er wollte und Lamia wusste, dass er auch sie wollte. Manchmal leckte er sich über die Lippen, wenn er sie ansah und zückte seine Augenbrauen. Was, wenn er eines Abends zu ihr gekommen wäre? Würde er denken, auch sie stünde ihm zu, wie er sich alles im Dorf nahm, was er wollte? Deswegen starrte er sie an, sie war sich sicher. Auch im Tod war die Gier des Weißen Mannes nicht zufriedenzustellen. Ihr wurde ganz schlecht bei diesen Gedanken. Sie zitterte. Nicht nur vor Ekel, sondern auch vor Angst. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte man ihn nur einen Tag später gehängt? Hätte sie jemand beschützt? Unwahrscheinlich, sie wäre auf sich gestellt gewesen. Sie wusste nicht, ob sie den Weißen Mann hätte abwehren können.

Der Anführer zumindest hätte sicherlich nicht geholfen, nein. Er war kein Mann der Initiative. Interesse am Wohlsein des Dorfes war mehr Schein als Sein. Nur sein eigenes Wohl interessierte ihn wirklich. Er und der Weiße Mann waren zwei Seiten derselben Medaille. Die Mächtigen, die denken, ihnen stünde alles zu und wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, würde deren Macht zu spüren bekommen. Deswegen hatte der Anführer den Mann doch hingerichtet. Es hätte andere Maßnahmen gegeben.

Lamia versuchte Schlaf zu finden, allerdings vergeblich. Zu viele Gedanken rasten durch ihren Kopf, als dass sie zur Ruhe hätte kommen können. Die meisten davon waren fürchterlich. Sie starrte ins Nichts und versuchte sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Eine Ansässige sagte ihr, das würde beim Einschlafen helfen. Stille umgab sie. Sie hörte nur ihren Atem. Luft durchdrängte ihre Lunge – und verließ sie wieder. Einatmen – ausatmen. Einatmen – ausatmen.

Die Stille wurde gebrochen.

Sie hörte etwas. Es war real. Kein Hirngespinst, keine Gewohnheit.

Das Spiel einer Violine.

*          *          *

Sie verließ ihre Hütte. Lamia musste sehen, was es damit auf sich hatte. Sie sah die schemenhafte Gestalt des Weißen Mannes am Baum in der Nacht. Sie bewegte sich. Lamia traute ihren eigenen Augen nicht.

Die Leiche bewegte sich.

Der Weiße Mann spielte seine Violine und eine finstere, sonore Musik erklang. Im Takt zur Melodie schienen die Schildraben und Insekten zur Melodie zu tanzen, dirigiert vom Violinenspiel, ganz in dessen Bann. Weitere Dorfbewohner kamen heraus und beinahe hypnotisch bewegten sie sich in Richtung des Weißen Mannes.

            „Was tut ihr denn?!“, schrie Lamia schockiert. Sie rannte zu den Dorfansässigen und schüttelte sie. Sie sollten stehenbleiben, sie haben doch gesehen, was mit ihrem Kameraden geschah! Doch keiner gehorchte. Sie stoßen Lamia zur Seite und bewegten sich weiter in Richtung des Weißen Mannes. Sie gab nicht auf. Sie schüttelte und rüttelte und ließ sich auf den Boden schmeißen, bis ihre Knie, Hände und Füße geschwollen waren vom harten Kies. Selbst der Anführer reagierte nicht. Er bewegte sich einfach nur in Richtung des Weißen Mannes. Der zuvor von den Raben attackierte Ansässige schlürfte ebenfalls zu ihm. Seine Wunden waren tief und Tränen flossen über sein Gesicht vor Schmerz. Man sollte meinen, er würde jede Sekunde zusammenbrechen, doch er wandelte in Richtung des Weißen Mannes. Lamia konnte keinen von ihnen aufhalten.

            Als das gesamte Dorf sich in einem Kreis um den Baum versammelte, stoppte der Weiße Mann sein Spiel. Für einen Moment standen alle nur da und ihre Blicke richteten sich auf Lamia.

In der Dunkelheit erkannte sie das verschmitzte Lächeln des Weißen Mannes, welches auch der von den Raben Attackierte zuvor sah. Doch diesmal galt es ganz ihr und eine Gänsehaut überlief ihren gesamten Körper. Für einen Moment schien alles wie gefroren, doch so funktioniert Zeit nicht – wenn doch, wäre ihr das Folgende erspart geblieben.

Er setzte die Violine an. Der Kinnhalter des Instruments fand seinen Weg über die Schlaufe des Galgen. Seinen Arm hob der Weiße Mann in einer nahezu bedrohlichen Manier – ein weiterer Moment gefror – und er setzte sein Spiel fort.

            Mit einem Mal tanzte das gesamte Dorf in hektischen Bewegungen um den Baum. Sie trampelten und stampften und wirbelten wild mit ihren Armen um sich, ohne Rücksicht auf die Personen neben sich. Sie schlugen sich die Gesichter wund und der Kies unter ihren Füßen füllte sich mit Blut. Tausend Nadeln! Sie traten so heftig auf, dass ihre Fußsohlen begannen zu bluten. Der Boden formte sich zu einer schwarzen Masse, welche sich an ihre Beine hefteten. Der Weiße Mann erhöhte sein Tempo. Die Mengen tanzten schneller und schneller und SCHNELLER! Sie trampelten und stampften und wirbelten und schlugen und bluteten und lachten hysterisch und schrien vor Schmerz! Schneller, mehr Tempo! Lamia rannte durch die Mengen, sie musste sie aufhalten! Doch sie tanzten nur schneller und schneller und schlugen sie durchs Wirbeln zu Boden. Sie stampften auf ihrem Brustkorb und eine blutige Schlammasse umhüllte ihren Körper. Sie traten ihre Knochen entzwei. Die Rippen, Arme, Beine, scheißegal!, sie trampelten und stampften in einem wahnsinnigem Tanz voller Hektik. Der Weiße Mann wandte seinen Blick nicht von ihr ab. Sie schrie auf vor Schmerz. Höllensqualen, die sie nie zuvor spürte. Mehr Tempo! Tanzt, ihr Marionetten, TANZT! Das Violinenspiel war schrill und dunkel, dem Albtraum entnommen, in welchem sie sich jetzt befand. Die Raben und Insekten flogen ziellos durch die hektisch tanzenden Massen. Ihr Surren und Krächzen vermischte sich mit dem Schreien und Lachen und Spielen der Violine. Sie stachen und hakten und bohren und durchfraßen die tanzende Masse, doch ließ diese sich nicht stören. Sie trampelten und stampften und wirbelten und schlugen und schrien und lachte und dann: Stille.

            Der Weiße Mann beendete sein Spiel – und alle Tänzer fielen zu Boden.

Sie waren tot. Allesamt. Der Weiße Mann ließ seine Violine fallen und das Ungeziefer widmete sich allen Kadavern, seinem eingeschlossen.

            Es folgte nur noch Stille.

            Und dann: Nichts.

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