Impressionen meines Gamescom-Aufenthalts 2019

Als Redakteur durfte ich mich dieses Jahr für die Gamescom akkreditieren lassen. Wenn man es als solche werten möchte, handelt es sich hierbei um die erste Geschäftsreise, welche ich bis dato tätige. Genauso handelt es sich hierbei um meinen ersten Gamescom-Aufenthalt, obwohl ich die Videospielmesse schon seit vielen Jahren besuchen wollte. Die Umstände sind zwar nicht einer Freizeitbeschäftigung gleich, doch bin ich nichtsdestoweniger aufgeregt, zumal die Familie einer meiner besten Freunde, Tim, den ich auch bereits ein Jahr nicht gesehen habe, so gastfreundlich war, mir in ihrem Haus in Solingen ein Dach zu bieten. Hierbei könnte es sich um meine wohl aufregendste Wochen des Jahres 2019 handeln und es scheint mir sinnvoll, diese dementsprechend zu dokumentieren. Ein einwöchiges Tagebuch, wenn man so möchte – und dieses will ich mit euch teilen.

19.08.19, Tag 1, Die Ankunft

Mein Zug fährt um 16 Uhr und ich treffe dementsprechend adäquate Vorbereitungen. Sachen packen, Papiere ausdrucken; die übliche Routine. Zwar erfolgt die Abfahrt von einem anderen Gleis als angegeben, doch sind das nur geringfügige Komplikationen. Die Reise verläuft weitestgehend ruhig, zu meiner Zufriedenheit, und ich finde Zeit zum Lesen. „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood – ein bisher eher fades Buch aufgrund geringer Geschehnisse, doch mit einem brillanten Konzept und einer aufregend gestalteten, wenn auch überaus schockierenden Welt. Meine Gefühle zum Buch sind bislang eher gemischter Natur, doch beginne ich es zu mögen. Der Zugwechsel verläuft problemlos, wenn auch im Anschlusszug die Sitzplätze begrenzt sind. Ich setze mich gegenüber zwei scheinbaren BWLern, welche die eigene Erwartungshaltung an Dienstleistungen diskutieren. Das Verhalten scheint abwertend und prätentiös, doch versuche ich es zu ignorieren. Anschließend werden schlechte Filme und die Widerwärtigkeit von Homophobie diskutiert – ich beginne doch noch zu sympathisieren. Sie steigen aus und eine Mutter und ihr Kind setzen sich zeitnahe gegenüber von mir. Sie sprechen spanisch und der etwa Dreijährige, Samuel, tollt über die Sitze, in einer Art und Weise, die tatsächlich keineswegs störend ist, sondern einfach nur liebenswert. Die beiden schauen durchs Fenster die Landschaften an, welche wir passieren, und die Mutter singt ihrem Sohn Kinderlieder. Ein überraschend beruhigendes Szenario, doch entfernen die beiden sich bald und eine weitere Mutter setzt sich mit ihrer Tochter, etwa im selben Alter, zu mir. Die Kleine macht Lärm, schreit durch den Wagon und die weiteren Passagiere echauffieren sich bemerkbar. „Sie ist halt ein Kind“, sage ich ihnen. „Sie darf jawohl ein wenig laut sein, wird sich schon beruhigen“. Beliebt habe ich mich damit nicht gemacht, aber das ist in Ordnung. Das Mädchen spielt bei meinem Koffer – wobei spielen synonym zu „schüttelt ihn heftig“ steht -, woraufhin die Mutter ihre Tochter hochhebt, welche darauf widerwillig gegen besagten Koffer tritt. Dankeschön. Anschließend trägt sie ihr Kind in die untere Etage, wobei die beiden an mir vorbeigehen und das Mädchen in meine Haare greift, um einige Strähnen herauszureißen. Nochmal: Dankeschön und ein zusätzliches Aua. Zu meinem Glück reagiert keiner der weiteren Fahrgäste mit einem bissigen: „Sie ist halt ein Kind“.

Die letzte Stunde der Fahrt passiert nichts weiter Interessantes. Tim und sein Vater erwarten mich am Bahnhof, bereit zum Abholen, die Familie heißt mich herzlich willkommen in einer „Fühl dich wie Zuhause“-Manier und bei dem hiesigen Klima ist das nicht weiter schwierig. Ich fühle mich wohl. Tim und ich schauen Invader Zim und Family Guy, reden über Politik und Sonstiges. Alte Freunde, die sich eine Weile nicht gesehen haben. Wir gehen bald zu Bett, schließlich muss ich früh aufstehen – was es umso fragwürdiger macht, dass ich diesen Text erst um zwei Uhr morgens tippe, wenn ich doch in sechs Stunden wieder auf den Beinen sein muss – und Tim, der mich, damit ich mich nicht verlaufe, zur Bushaltestelle begleiten will, muss dementsprechend auch wieder zeitig hoch. Ich bin erschöpft und mir sicher, dass der morgige Tag lang wird, doch garantiert auch aufregend. Ich weiß nicht, was mich erwartet – gespannt bin ich allemal.

20.08.19, Tag 2, Der Pressetag

Mit wenigem, doch gutem Schlaf, begebe ich mich zur Gamescom. Der erste Tag von vielen. Die Kölner Messe ist gewaltig und wesentlich größer, als ich mir zunächst dachte – allerdings habe ich mich in vielen Dingen vertan, allen voran der Besucherzahl. Der Pressetag ist nämlich, wie der Name vermuten lässt, exklusiv für Fachangestellte und ich schätzte auf etwa 800 Anwesende. Weit gefehlt, viel, viel mehr. Etwa 3000. Die erste Stunde verbringe ich damit den Messekomplex durchzugehen – wortwörtlich, sodass ich innerhalb dieser Zeitspanne jede der 11 Hallen gesehen habe. Dachte ich zumindest. Im Verlaufe des Tages stelle ich fest, dass sich mir immer wieder Areale auftun, welche ich zuvor übersehen habe. Vielleicht finde ich morgen mal den Pressebereich. Ich meine, den gibt es. Eine Stunde bin ich hier und meine Beine schmerzen bereits. Ich fühle mich erschöpft. Nicht nur wegen der akuten Bewegung, sondern auch aufgrund der konstanten Reizüberflutung. Die Veranstaltung ist ein Spektakel. Bunt und groß, sodass ich nicht weiß, wo ich als erstes hingucken soll. Laut und dissonant, sodass ich nicht weiß, wo ich zuhören muss. Verworren und voll, sodass ich kaum weiß wohin mit mir. Und das für 8 Stunden. Diese sind mir jetzt nur sehr zerstreut in Erinnerung, was ich überaus bedauere, denn bei den vorherigen Aussagen handelt es sich um kein Klagen. Natürlich ist die Veranstaltung anstrengend und ich fühle mich ausgelaugt, doch genieße ich jede Minute. Es bleibt keine Zeit für Langweile, ich habe Spaß.

Beruflich durfte ich auf der Gamescom Google Stadia ausprobieren.

Der heutige Tag ist der für meine Arbeit am wenigsten relevante, da keine wirklichen Main Events anstehen, welche ich besuchen muss, also kann ich mich zunächst einfinden und eigenen Interessen nachgehen. Für die Arbeit teste ich nur Google Stadia und bin dem gegenüber überraschend positiv gestimmt. Privat spiele ich Doom Eternal, Pokémon Schild und Schwert, Borderlands 3 und Yu-Gi-Oh. Das mag nicht viel scheinen, doch sind diese auch mit Wartezeiten von insgesamt 2 1/2 Stunden verbunden. Ich begegne vielen Cosplayern und zeige mich beeindruckt von der Detailverliebtheit und Präzision, welche in die Cosplays investiert wurden. Die buntesten und wildesten Frisuren umgeben mich, Tattoos mit Mario und Zelda und Sonic und Crash Bandicoot und Big Daddies und Headcrabs und überhaupt. Die Gamescom scheint mir der Inbegriff von „Cringe Culture is dead“ – und ich liebe es.

Als großer Fan der Reihe, war ich begeistert, die neuen Pokémon-Spiele anzutesten.

Einige Internetberühmtheiten laufen mir über den Weg, doch ansprechen will ich keine. Die sind genug im Stress, denke ich mir. Einen Abstecher in Halle 5, der Merchandise-Halle und somit Garten Eden für jeden Nerd, tätige ich ebenso und mein Herz schlägt Saltos. Meinem Dad kaufe ich eine Wolfenstein-Tasse, er liebt die Reihe. Meiner Freundin ein Plüsch-Evoli-Schlüsselanhänger, ihr Lieblingspokemon. Mir einen Dishonored-Hoodie, angelehnt an das Outfit von Corvo. Für den Rest habe ich noch nichts. Von Geschäftsreisen bringt man Geschenke mit, ließ ich mir sagen. Zum Ende versuche ich mich noch an Gewinnspielen, doch ist meine Ausbeute bisher eher schlicht, mit einem T-Shirt als Highlight. Vielleicht habe ich ja noch Glück, einige Ergebnisse stehen weiterhin aus.

Doom Eternal am Google Stadia-Stand.

Ausgelaugt und erschöpft fahre ich zurück zu Tim und die letzten Stunden vergehen im Flug, doch wirklich erholen tue ich mich nicht – und genauso phrasiere ich jetzt gerade. Keinen einzigen anständigen Schachtelsatz, die doch sonst so typisch für mich sind, könnte ich verfassen, selbst wenn ich wollte, denn die Konzentration fehlt mir dazu aktuell, weshalb ich eher schreibe wie ein zweitklassiger Hemmingway. Doch damit bin ich zufrieden, denn es ist eine gute Form des Erschöpftseins, vielleicht sogar die beste. Die, bei der man sich sagen kann: Heute habe ich etwas erlebt. Und wer erlebt, der lebt. Ich spüre bereits den Muskelkater in meinen Beinen, welcher mich morgen erwartet. Die wahrscheinlich immens stagnierenden Menschenmassen beunruhigen mich jetzt schon. Ansonsten habe ich keine Ahnung, was mich erwartet – doch bin ich gespannt und mir sicher, dass der zweite Tag kein bisschen weniger interessant sein wird.

21.08.19, Tag 3, Die große Eröffnung

Wie gesagt rechnete ich bereits damit, dass die Menschenmassen sich vervielfachen würden – diese jedoch mitzuerleben, gibt einem nochmal ein gänzlich anderes Gefühl. Ich kann nicht einmal schätzen, wie viele Menschen denn hier sind, doch das Vergnügen in diesen unterzugehen, wurde mir sehr bald zuteil, um nicht zu sagen von Anfang an. Als Pressemitglied und somit Fachbesucher, habe ich Zugriff auf einen separaten, weniger vollen Eingang, um direkt zu meinen Terminen zu erscheinen. Luxus kann sich bekanntlich in vielerlei Formen zeigen. Einer der Kontrolleure hat das jedoch dem Anschein nach für eine Sekunde vergessen und weist mir den falschen Weg. Fehler passieren, ich hege keinen Groll. Für den erstmaligen Aufenthalt ist es sogar interessant zu erfahren, welchen Trubel die Masse auf der Messe durchlebt. Morgen greife ich jedoch wieder auf den Eingang für Fachbesucher zurück; meinen Komfort ausnutzen. Doch auch jetzt nutze ich ihn, indem ich mich ins weniger volle Business Area begebe und mir einen Kaffee schnappe, in der Hoffnung den Massen zu entfliehen. Ich bin früh und mein erster Termin ist geplatzt, weshalb ich mich ins Cosplay Village begebe, denn dieses ist erst heute richtig belebt und ich bin beeindruckt. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele, so leidenschaftlich entworfene Kostümierungen erlebt und ich bin teils wirklich sprachlos. Bereits gestern war ich sehr angetan, doch heute befindet all dies sich auf einem völlig anderen Level. Cosplay ist eine sehr eigene Kunstform, meiner Meinung nach, doch eine, die ich wirklich sehr respektiere. Vielleicht auch, weil sie noch so verpönt ist und Cosplayer in einer beinahe dickköpfigen Manier sagen: „Mir egal, ich habe Spaß daran!“. Jemanden, der sich dermaßen auflehnt, muss ich eigentlich ganz prinzipiell mögen.

Die Menschenmassen scheinen kein Ende zu nehmen.

Alles gesehen und gestern auch schon alles getan – ich wandele durch die Hallen und mache viele Fotos für meine Arbeit. Lange halte ich mich im Jobs und Karriere Sektor auf und befrage die dort Vertretenden, um einige Antworten für einen thematisch bezogenen Beitrag zu erhalte, doch bleiben diese größtenteils gleich. Eventuell hätte ich auch einfach bessere Fragen stellen müssen – na ja. Wie ich daraufhin feststellen darf, ist der Pressebereich, den ich dementsprechend auch endlich gefunden habe, nicht weit und ich betrete diesen. Unter all den professionellen Journalisten fühle ich mich schon beinahe minderwertig, als könne ich nicht mithalten, doch folgt mir eine Epiphanie: Weniger Erfahrung? Natürlich. Aber wer sagt, ich könne schlechter schreiben, beobachten, denken? Und wenn doch, dann habe ich sicherlich das Potential, auf ein selbiges Level zu kommen. Ich bin eben noch am Anfang. Wie beeindruckend es alleine ist, dass ich im Pressebereich bin, realisiere ich erst später. Das ist nicht selbstverständlich. Wenn auch nicht unfassbar schwierig, verspüre ich dennoch einen gewissen Stolz. Ich nehme Platz und schreibe an den dort bereitgestellten PCs einen Artikel. Zuvor durfte ich feststellen, dass der Kaffee hier nur halb so teuer ist, was mich grämt, aber das lässt sich nun nicht mehr ändern. Bye bye, vier Euro, euch habe ich zum Fenster hinausgeschmissen. Wie schön es ist, wieder an einer richtigen Tastatur, nicht etwa meinem Handy zu schreibt.

Im Verlaufe der Woche entwickelte sich der Pressebereich nahezu zu meinem Hauptquartier.

Abschließend folgt der Auftritt von Axel Voss, in dem ich mich ungeahnt reingemogelt habe. Hoppla. Eigentlich hätte ich keinen Eintritt gehabt. Ich möchte an dieser Stelle nicht politisch werden, weshalb ich mir eine Meinungsäußerung verbiete. Sagen wir einfach, ich bin nicht durchweg d’accord – es war dennoch spannend, so ein Event auch einmal miterleben zu dürfen. Keine Fotos davon zu machen, war wiederum dumm. Penibel merke ich mir alle Fehler, welche ich auf der Gamescom mache, um bei der nächsten Messe besser abzuschneiden.

Der bisher eigentlich vollste Tag war für mich leer mit nur wenigen Ereignissen, doch deshalb nicht weniger spannend, denn vor allem war ich produktiv. Als Redakteur habe ich heute ganz neue Erfahrungen gemacht, wie ich sie mir von der Gamescom erhofft habe. Ich bin gespannt, was morgen auf mich wartet – ich hoffe auf eine Überschneidung von Erfahrung, Erlebnis und weniger Menschen – wobei ich mir Letzteres wohl vergebens wünsche. Es ist irgendwie witzig: Umso länger ich auf der Messe bin, desto mehr lebe ich mich scheinbar ein. Ab morgen bin ich professioneller Gamescom-Visiteur, denke ich.

22.08.19, Tag 4, Ein Arbeitstag

Ich bin müde. Wirklich müde. Und das, obwohl ich gar nicht wenig geschlafen habe. Heute habe ich ein wenig Zeit, bis ich zur Gamescom fahren muss, weshalb ich mich zunächst in Tims Küche quartiere, mir einen Kaffee mache und ihn sowie seinen jüngeren Bruder mit Politik und anderen sozialen Themen vollquatsche. Das ist nicht unüblich, wenn ich müde bin – ich lass einfach alles raus, wofür in meinem Kopf gerade kein Platz ist. Mein Mutter und meine Freundin können davon sicherlich ein Lied singen, denn diese müssen das für gewöhnlich über sich ergehen lassen. Allgemein sind politische Gesprächsthemen in meinem Fall, wie man sicherlich bereits festgestellt hat, nicht unüblich. Sorry. Das Wetter ist warm und anstrengend; ich bin nicht wirklich in der Stimmung für die Myriaden an Menschen heute.

Auf der Messe angekommen, muss ich eine Aussage direkt revidieren: Ich bin absolut kein professioneller Gamescom-Visiteur. Eine halbe Stunde brauche ich, um den Standort des von mir angestrebten Termins aufzufinden – und besagter Termin stellt sich dann im Endeffekt als Zeitverschwendung heraus, denn aufschlussreiche Aussagen folgten nicht. Besagter Termin umfasst, wie ich auch erst vor Ort herausfinde, ein Interview mit dem YouTuber Rewinside, zu dem Thema, wie man denn eSportler oder Streamer wird. Das kann ich ehrlich gesagt auch nach dem Vortrag weiterhin nicht wirklich beantworten. Amüsant finde ich jedoch, dass ich im Publikum wohl sowohl die größte, als auch älteste Person bin, was die sehr junge Zielgruppe Rewis für mich bestätigt. Selbstverständlich ist das kein Problem, es bringt mich lediglich zum Schmunzeln. Das wenig aufschlussreiche Interview endet in einer Fragerunde aus dem Publikum – und ab hier wird es unangenehm. Zuschauer zwischen 10-14 Jahren, die nicht oftmals nicht einmal im Stimmbruch sind, fragen den YouTuber, wann er denn endlich mal mit Fornite aufhört, denn er muss es doch leid sein, mit all diesen Kiddies zu spielen – diese Ironie. Die Fragen fallen größtenteils in die Kategorie Trolling, wobei die Fragenden sich durchweg kein Kichern verkneifen können, Rewi beantwortet diese allerdings sehr souverän, stets mit einem Fünkchen Humor. Scheint eigentlich ein recht sympathischer Typ zu sein. Für meine Artikel halfen mir die inhaltslosen Fragen allerdings nicht weiter. Viel mehr beschäftigt mich, als Person, die in der Altersklasse bereits auch aktiv auf YouTube war und soeben Flashbacks in seine Teenie-Jahre erfährt, ob ich vergleichbaren Unsinn gefragt hätte. Wahrscheinlich nicht – nein. Nicht, weil ich so viel reifer war, denn das war ich nicht, sondern weil ich bis dato kein Mikrofon in die Hand nehmen kann, ohne ein intensives Gefühl von Panik zu verspüren. Das wird damals nicht besser gewesen sein.

Ich war der Größte im Publikum.

Der Rest des Tages verläuft ziemlich ruhig. Ich sitze mal wieder in der Presseabteilung und tippe meinen Artikel zum Panel mit Axel Voss ab. Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit. Manchmal ist es schwer als Redakteur objektiv zu bleiben, wenn klare Meinungen zu einem Thema bestehen, doch denke ich in diesem Fall recht souverän darin abgeschnitten zu haben. Meine Arbeitskollegin und ich diskutieren, wann der Beitrag Online gehen soll. Sie plädiert zunächst auf irgendwann nächste Woche, da auch nicht zu viel Gamescom Content kommen sollte. Ich erkläre, inwiefern man ihn diese Woche veröffentlichen sollte, so lange das Thema noch exklusiv, aktuell und diskutabel ist. Letztendlich wird der Artikel am 23.08. veröffentlicht, da der vorherige zu Google Stadia bereits gute Klickzahlen erzielte.

Es gibt nicht mehr viel zu tun. Zumindest für mich. Ich habe so ziemlich alle Spiele ausgetestet, welche ich austesten wollte und viele der Events reizen mich nicht sonderlich. Gerne schaue ich mir Live einige League Of Legends Matches oder dergleichen auf der Bühne an, doch das wars. Eigentlich ganz angenehm bei der permanenten Reizüberflutung. Ich schlendere nur noch durch die Hallen, um Bilder zu machen und ein paar mehr Eindrücke zu sammeln. Das klingt alles sehr trist, doch genieße ich die Zeit – selbst, wenn ich drei Runden durch das Merchandise Area drehe, wie auch heute. Ich halte weiterhin Ausschau, ob es irgendeinen nerdigen Artikel gibt, den ich haben wollen würde, doch scheine ich dem mittlerweile entwachsen zu sein. Vor zwei Jahren wäre das noch mein Paradies gewesen, mittlerweile ist es vielmehr eine nostalgische Repetition, doch ist Nostalgie etwas Gutes – daher auch die ursprünglichen Herzsaltos.

Auf der Bühne werden League Of Legends Matches ausgetragen, welche ich mir sporadisch ansehe.

Der heutige Tag hat mich, obwohl er de facto der bisher entspannteste war, tatsächlich am stärksten ausgelaugt. Die sengende Hitze, immense Müdigkeit und meine leerstehende soziale Batterie, sind allesamt überaus ermüdend und ich freue mich bereits, in der Nacht auf ein bisschen Ruhe zu treffen. Bei Tim angekommen, wartet bereits das Abendessen auf mich. Das trifft sich gut, ich habe Hunger. Vegetarische Würstchen.
Welche Tim im Ofen vergessen hat.
Weshalb sie staubtrocken sind.
Und hart.

Das wird ein neuer Running Gag zwischen uns.

23.08.19, Tag 5, eSports

Zwei kleine Termine stehen heute für mich bevor – und der erste davon findet nicht statt. Die dahinterstehenden Gründe sind mir nicht bekannt. Eventuell wurde nur der Standort geändert, aber auch Online stoße ich auf keine Aktualisierungen. Ich habe also ein paar Stunden für mich und nutze diese, um mich mit einem auf der Gamescom überaus präsenten und für mich sowohl privat, als auch beruflich interessantem Thema zu befassen: eSports. Vom sporadischem Anschauen zum aktiven Beobachten. Ich streife durch die Hallen und sehe, wie Kandidaten bei den verschiedensten Spielen um Preise kämpfen. Ich beobachte für eine Weile einige versierte Super Smash Bros. Spieler und zeige mich von deren Können beeindruckt, denn trotz kläglicher Versuche meinerseits, wurde ich in dieser Spielreihe niemals wirklich gut. Der Stand, bei dem dieser Wettbewerb stattfindet, ist klein und nicht viele Leute schauen zu, etwa 50, doch jedesmal, wenn einer der angehenden Profis eine spielstarke Aktion vollzieht, geht tosender Jubel, Raunen oder dergleichen durch die verhältnismäßig kleine Menge. Eine ganz einzigartige Atmosphäre liegt vor.

Vor einer kleinen Menschenmenge spielten Smash-Profis um Getränke.

Auch League of Legends wird wie gesagt Live auf der Bühne gespielt und die Stimmung dabei ist noch wesentlicher intensiver. Selbstverständlich ist sie das, was sonst würde man sich von einem der aktuell größten eSports-Titel erwarten? Vielleicht ist das Spiel auch einfach interessanter zu beobachten, weil es sich nicht etwa um ein eins gegen eins, sondern fünf gegen fünf handelt. Allzu intensiv habe ich darüber zugegeben nicht nachgedacht. Weitere Spiele werden ebenfalls auf dem großen Bildschrim gespielt. Fifa, das mich nicht interessiert, Apex Legends, welches ich nie gespielt habe, und weitere Titel, die mir schlichtweg nichts sagen. Ich genieße meine letzten Eindrücke, denn morgen plane ich nicht viele weitere zu sammeln. Mein Magen ist voll, ich habe alles gesehen und bin satt. Das reicht mir. In großen Teilen meiner Zeit ziehe ich mich ohnehin in den Pressebereich zurück, um mir eine Auszeit von all der Reizüberflutung zu nehmen und meine soziale, doch auch Handy Batterie aufzuladen.

Teils setze ich mich für Pausen jedoch auch nach draußen – wie jetzt gerade, auf den harten Boden, um die Menschenmassen um mich zu beobachten. Ein junger Mann kommt auf mich zu und fragt, ob alles in Ordnung sei. Ich sähe erledigt aus und er würde mir Wasser holen, wenn nötig. Ich zücke meine Wasseflasche und versichere, dass alles gut ist, auch wenn ich tatsächlich erledigt bin. Es war eine anstrengende Woche. Aufgrund seines Gamescom T-Shirts und der Manier, in der er so direkt auf mich zukam, dachte ich zunächst, er sei Teil des Personals. Er gibt mir die Hand. „Ich bin Felix“. Meine Irritation sieht man mir wohl deutlich an, denn Felix präzisiert noch und sagt: „Der Typ von Twitter“. Natürlich!, denke ich mir. Einer meiner Follower und selbsternannter Fan von meinen Kultur-Tag Yourself Threads (selbsternannt insofern, dass ich kein großer Freund des Begriffs „Fan“ bin. In meinen Augen werden ich und die Sachen, die ich halt so mache, auf ein viel zu wichtiges Podest gehoben, das uns gar nicht zusteht, denn am Ende des Tages sind es nur ein paar schlechte Witze). Er schrieb mir bereits vor einigen Tagen, ob er mich auf der Gamescom treffen könne, da er mich wohl kennenlernen und sich persönlich für die Threads bedanken wollte. Alles sehr schmeichelhaft, dennoch befremdlich. Nicht auf eine unangenehme Art und Weise, sondern vielmehr eine „Ich habe eher erwartet, dass sowas passiert, falls ich mal ein Buch veröffentliche“-Art und Weise. Felix erzählt mir ein bisschen von sich, was er denn gerade so treibt, etc. – er ist sehr freundlich mir gegenüber und stellt sicher, dass ich mich nicht unwohl fühle, da er sich wohl im Klaren ist, wie seltsam diese Situation für mich sein muss. Das freut mich und ich wertschätze es. Wir unterhalten uns eine Weile und machen auf Anfrage abschließend ein Foto, bis wir daraufhin wieder unserer Wege gehen. Eine wie gesagt seltsame, doch auch sehr angenehme Erfahrung. Es war schön, sich mal auf der Gamescom mit jemanden zu unterhalten, denn die Tage ertappte ich mich auf der Messe schon bei Selbstgesprächen. Zugegeben tue ich das jedoch auch außerhalb.

Die Arbeit ruft wieder und ich setzte mich ins nächste Gamescom Congress Panel. Eine Diskussion zur politischen Unterstützung des eSports, mit Politikern der SPD, CDU, Linke, Grüne und auch FDP. Zu meiner Überraschung bin ich hierbei von Parteien, die ich für gewöhnlich am ehesten befürworte, etwas enttäuscht und Parteien, die ich im Normalfall als größtenteils regressiv werte, wie die CDU, zeigen sich hierbei sehr aufgeschlossen und gewissermaßen fortschrittlich. Von diesen hatte ich am ehesten die alte „Videospiele sind böse!“ Keule erwartet, aber nicht von der Linken, welche bei dieser Debatte teils gar nicht im 21. Jahrhundert angekommen scheint. Das Leben hält teils lustige Überraschungen bereit – an meinen politischen Ansichten ändern diese dennoch nichts. Bei den beiden Panels, welche ich besuchte, waren von der CDU Axel Voss sowie Paul Ziemiak vertreten und auch wenn diese mich positiv überraschten, wobei ich weiterhin nicht d’accord mit Voss bin, bedeutet das eben nicht, dass ich diese Partei nun befürworte, sondern bestätigt vielmehr, dass Menschen sehr vielschichtig sind und man einer Person recht geben kann, welcher man ansonsten wohl bei etwa 95% ihrer Ansichten widersprechen würde. Eine Erfahrung, die sich, wie ich das Gefühl habe, mittlerweile vielen entzieht, oder der man sich verweigert, und dementsprechend bin ich dafür dankbar. Und irgendwie ist es auch schön zu sagen: Tatsächlich gebe ich Axel Voss und Paul Ziemiak in einigen, nicht großpolitischen Punkten recht, aber ich finde die CDU trotzdem so richtig scheiße.

Auf der anschließenden Busfahrt zu Tim, höre ich noch eine kleine Unterhaltung von anderen Besuchern der Gamescom heraus. Eine Mutter mit ihrer Tochter, etwa vier Jahre alt. Diese hat wohl Gronkh besuchen wollen und so lange Lärm gemacht, bis sie Backstage gehen durfte, um den bärtigen YouTuber selbst kennenzulernen. Dass Kinder in diesem Alter bereits YouTube-Videos gucken, die Personen dahinter bewundern und treffen wollen – irgendwie scheint mir das nicht so ganz richtig. Vielleicht auf einer pseudo-pädagogischen Ebene. Vielleicht, weil ich YouTube eher mit meinen Teenager-Jahren, nicht meiner Kindheit verbinde. Vielleicht, weil ich in diesem Areal nicht mit der Zeit gehe. Vielleicht auch einfach, weil es tatsächlich irgendwie nicht richtig ist. Ich weiß es nicht, aber ich muss mir darüber auch kein Urteil erlauben. Irgendwie altert das Internet schneller als man selbst. Ich bin 21 und fühle mich der Digitalisierung gegenüber wie ein 50-jähriger Knacker, der geduldig auf seine Rente wartet. Wir leben in rapiden Zeiten.

24.08.19, Tag 6, Das Ende

Bekanntlich können Menschen sich relativ schnell akklimatisieren. So auch ich und der Gedanke, dass ich morgen zurück nach Hamburg fahre, diese Woche ihr Ende findet und ich die Gamescom für mindestens ein Jahr nicht mehr sehen werde, trifft mich ziemlich hart. Ich setze mich wieder in den Pressebereich und sinniere über die vergangene Woche und all das, was ich in dieser Zeit so erlebt habe. Es war fantastisch. Am Abend will ich mich noch mit einem Freund meinerseits, Erik, treffen, welcher in Köln wohnt und wenn wir schon die Gelegenheit haben uns zu sehen, wäre es schade, diese nicht zu nutzen.

Man merkt, dass die Gamescom ihr Ende findet. Die Hallen werden leerer, wenn auch beim besten Willen nicht leer, und die Menschen scheinen mir ausgelaugt. Das Personal zur Verpflegung der Presse ist nicht anwesend und man hinterlässt uns stattdessen ein paar Kaffeekannen und Softdrinks zum Zugreifen. Sehr angenehm, wie ich finde. Spart Geld. Viele der Redakteure scheinen bereits ihre Heimreise angetreten zu haben, denn der zuvor gut gefüllte Pressebereich ist plötzlich beinahe kahl und leer. Ich setze mich und spiele Xenoblade Chronicles 2 auf meiner Nintendo Switch. Ich habe so ziemlich alles gesehen. Ich bin bereit, die Woche enden zu lassen und mich wieder dem Alltag hinzugeben, wenn auch der Gedanke daran mich traurig stimmen mag.

Zwischendurch schreibt mir noch der Freund einer Freundin meinerseits, er sei auch anwesend und wir treffen uns für eine Stunde. Er fragt mich, ob ich einen Eintrag in seinem Freundebuch hinterlassen würde – und das tue ich. Ein paar schlechte Witze meinerseits, noch schlechtere Zeichnungen und dergleichen finden ihren Weg ins Heft. Viel Zeit hat er nicht, weshalb sich unsere Wege bald wieder trennen. Ich möchte mich zurück in den Pressebereich setzen und stelle fest, dass dieser geschlossen wurde. 1 1/2 Stunden muss ich noch totschlagen bis zum Treffen mit Erik, weshalb ich an den Stand von THQ Nordic und somit Darksiders Genesis gehe. Er ist vergleichsweise leer und das spielt reizt mich, weshalb ich die Gelegenheit nutze es auszuprobieren und ich muss gestehen, dass dieses Spiel vielleicht mein kleiner Geheimfavorit der Gamescom 2019 ist. Kaufen werde ich es mir allemal. Geschickt konnte Genesis die Zeit überbrücken und ich gehe in Richtung des Ausgangs, um meinen Zug fürs Treffen rechtzeitig zu erwischen. Eine Ansage ertönt: „Es ist 20 Uhr, die Gamescom 2019 ist hiermit beendet. Wir bitten alle Besucher zum Ausgang zu gehen. Vielen Dank für ihren Aufenthalt“. Und für einen kurzen Moment war ich aufrichtig traurig – über das Ende und darüber nun gehen zu müssen, in dem Wissen, ich würde morgen nicht zurückkehren.

Am THQ Nordic-Stand konnte ich einen ersten Blick aufs neue Darksiders erhaschen.

Ich habe den Kölner Dom nie in natura gesehen und muss zugeben, dass er tatsächlich so beeindruckend ist, wie von allen Bewohnern der Stadt immer behauptet. Dieser gotische Titan, welcher über allem im unmittelbaren Umfeld einen gigantischen Schatten wirft, während Vögel an seiner Spitze in unkontrollierten Bewegungen kursieren – ein beeindruckender Anblick. Natürlich aber kein so beeindruckender Anblick wie der wunderschöne Erik, welcher mit seinen Freunden bereits auf mich wartet. Ich werde herzlich begrüßt, wir kaufen uns ein paar Bier und setzen uns irgendwohin, ein bisschen abseits des Doms, und unterhalten uns über vielerlei. Literatur, Politik, den Wendler, Culcha Candela, seltsame Ereignisse innerhalb unserer jeweiligen Leben, schlechte Memes und überhaupt. Generationstypisch halt, aber es war sehr spaßig und ich bedauere es sehr, so früh bereits meinen Rückweg antreten zu müssen, doch ein schönes Treffen war es allemal und ein würdiger Abschluss für diese Reise. Auf dass ich Erik in naher Zukunft nochmal treffen kann.

Das war die sowohl anstrengendste als auch spannendste Woche meines Jahres – und ja, sie wird mir fehlen. Ich habe viel innerhalb dieser gesehen und somit auch gelernt. Ich weiß bereits, dass dies eines der prägendsten Ereignisse meines 2019 war. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob mir nächstes Jahr wieder das Glück zuteil wird, mich für die Videospielmesse akkreditieren zu lassen. Vielleicht wertet mein Arbeitgeber die Gamescom doch noch als thematisch irrelevant. Vielleicht arbeite ich woanders, was ich nicht hoffe, denn ich mag meinen Job. Vielleicht irgendwas, weil X zu Y führt, wodurch Z. Das Leben ändert sich schnell. Aber ich hoffe aufrichtig, nächstes Jahr einen weiteren Besuch abstatten zu können – und das hoffentlich erneut als Redakteur. Denn im nächsten Jahr werde ich noch besser vorbereitet sein und mein neu gewonnenes Wissen auf eine noch bessere Gamescom 2020 verwerten. Das ist etwas, wofür es sich lohnt nach vorne zu schauen – und ich warte gespannt.

Zum Abschluss noch eine Galerie mit allen von mir gefertigten Bildern, denn wie könnte man besser das Gesehene vermitteln?

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