Kalter Kaffee

 

Ezra saß alleine bei sich in der Küche und suchte nach etwas, das nicht da war. Vor ihm stand eine Kanne kalter Kaffee, frisch aufgebrüht.
Kalter Kaffee. Die wohl schönste Wortkombination der deutschen Sprache. Schon seit Tagen trieb ihn die Erklärung jener in den Wahnsinn, als ein Arbeitskollege ihm scherzhaft das gestern noch heiße Getränk vorhielt und fragte: „Ein Schluck kalter Kaffee?“, bevor er ihn im Abfluss versinken ließ. Irgendwas änderte sich bei Ezra an diesem Tag; irgendwas war neu, umgepolt, aber er wollte es sich zunächst nicht eingestehen. „Eine harmlose Alliteration”, sagte er sich. „Zweimal ein K, kalter Kaffee. Ganz einfach.“ Eine Lüge, das war ihm klar. Irgendwie steckte mehr dahinter. Mit der Zeit pflanzten sich die Worte tief in seinen Kopf und überall wo er hinsah, war kalter Kaffee. Die im Handy gespeicherten Kontakte verloren ihre Namen und aus Karl wurde kalter Kaffee, aus Thomas wurde kalter Kaffee und auch aus Stefan, Kathrin, Lukas, Karlo, Sven, Karen und Viktor wurde kalter Kaffee. Sie schrieben ihm keine Nachrichten mehr, sondern diese zwei Worte, die ihn so heimsuchten. Die Tapeten in seiner Wohnung waren befleckt mit Buchstaben und formten kalter Kaffee. Es trieb Ezra in den Wahnsinn, raubte ihm Schlaf und Verstand. Er schälte seine Kekse und tunkte seinen Apfel in ein Glas Milch. Kalter Kaffee. Zwei Worte, ganz einfach. Aber hier begann das Problem, denn beim genaueren Hinsehen merkte er, dass dies nicht einmal stimmte. Es waren keine zwei Wörter, sondern viel mehr sieben Buchstaben, denn die Wörter ließen sich teilen. Bestand „Kaffee” denn nicht nur aus K-F-E, Ka Ef Eh.? Bestand „Kalter” nicht nur aus K-L-T-R, Ka El Te Er? Jeder weitere Buchstabe schlich sich nur zwischen die anderen, es war kltr Kfe. Die schönste Wortkombination der deutschen Sprache, kltr Kfe. Das war die Schönheit der Worte, es brauchte so wenig und war dabei so schön. So bescheiden, so sparsam. Ezra dachte, er hätte die Antwort, aber nein, natürlich nicht. Wo er auch hinguckte, seine Handykontakte, seine Wände, die Fliesen, die Karohemden im Schrank, alle Muster und Worte dieser Welt formten sich zu kltr Kfe und die schönste aller Wortkombinationen verlor ihre Form, sodass nur kltr Kfe war, was blieb. „Hässlich…”, dachte sich Ezra. „HÄSSLICH!” Er schrie auf und zerschmetterte alle seine Teller und Tassen, schlug Löcher in seine Wände und die Scherben formten sich zu kltr Kfe. Diese Hässlichkeit war seine Schuld, er war es, der kltr Kfe formulierte. Ezra setzte sich wieder zur Kanne vor ihm. „Was ist dein Geheimnis? Sags mir, oh bitte, sags mir. Warum nur bist du so schön? Ich verstehe es nicht!”, flüsterte er und als er dies fragte, begann er zu verstehen. Nicht nur der Klang, sondern auch die Form war schön! Kalter Kaffee, keine Buchstaben schlichen sich dazwischen, um den Ruhm dieser Kombination zu klauen, sondern viel mehr komplementierten sie diese. Kltr Kfe war nicht schön, kalter Kaffee hingegen schon und als er dies verstand, arrangierten sich die Scherben, Kontakte, Karohemden und befleckten Wände vom Neuen und es stand kalter Kaffee im gesamten Raum. Es war ein Schritt in die richtige Richtung, aber nichtsdestotrotz ein Schritt zurück. Dass die Worte nicht verschwanden zeigte Ezra, er hatte die Lösung nicht gefunden. Aber was, wenn die Form der richtige Ansatz war? Dass Kaffee sich in seiner flüssigen Form an alles anpasste und so die der Kanne, aber auch der Wände und Scherben und Kontakte und Hemden und von Ezras Bewusstsein annahm. Dass Kaffee so wandelbar war und überall nichts als eine glänzende, braune Masse hinterließ. Die hässlichste aller Farben. Und machte dieser Gegensatz den Kaffee schön? Dass er optisch so hässlich sein müsste, so unfassbar hässlich wie kltr Kfe, aber dennoch so schön war, trotz seiner dunklen, ekligen Gestalt? Es war kontradiktorisch und das verlieh ihm Schönheit. Oder? War es dies, dass kalter Kaffee so schön machte? Der Gegensatz? Ein Heißgetränk, das in Klang und Form so viel besser mit seinem Gegensatz der Kälte harmonierte? Heißer Kaffee war nicht schön, Hitze ist nicht schön. Hitze schmerzt und brennt dir Haut und Muskel von den Knochen. Das ist es, was heißer Kaffee tut, aber nicht sein Gegenstück, nein. Kalter Kaffee war ein Balsam, ein Freund und was, wenn die Worte Ezra nicht heimsuchten, sondern ihn erst heilten? Ihn, wie Kaffee es so an sich hatte, weckten, seinen Geist aus einem tiefen Schlaf holten und sein brennendes Verlangen nach der Antwort kühlten? Vielleicht minderten sie dieses schrecklich heiße Feuer in dir, dass dich verbrennen will. Kalter Kaffee war eine Erlösung, natürlich! Deswegen sagte jeder Koffein, nicht Kaffein, denn sie hatten Angst frei zu sein, dachten das Feuer sei ihr Freund. „Ist es das? Ist das deine Antwort?”, fragte Ezra die Kanne und in der Küche stand weiterhin kalter Kaffee.
Nein. Das ist es nicht, das kann es nicht sein.
Was, wenn die Antwort auf einer ganz anderen Ebene lag? Denn auch im Englischen ist Cold Coffee die schönste aller Wortkombinationen, oder das französische Café Froid. Schön, oh wie schön. „Café, natürlich! Ja!” Endlich, der richtige Ansatz, Ezra war sich sicher. Ein Café. Ein Kaffee in einem Café. Dem schönsten aller gastronomischen Etablissements. Im Café trank man Kaffee, so einfach, so simpel – das war die Antwort. Kaffee absorbierte Menschen, so wie er auch Ezra absorbierte. Einen Kaffee im Kaffee trinken, so als sei man in der Tasse selbst, befüllt mit kaltem Kaffee im Sommer und es gab keinen Ausweg. Und bevor der Kaffee einen ertrank, ertrank man den Kaffee und leerte die Tasse, bis man an ihrem Abgrund angelangt war, bis sie nichts als Leere füllte. Er trank den Kaffee. Diese Doppeldeutigkeit, die Dichotomie der Worte. Die Schönheit von kalter Kaffee, der faire Kampf, die Weggabelung. Die Befreiung, denn man selbst musste wählen. „Ist es das?”, fragte Ezra die Kanne. Im gesamten Raum stand kalter Kaffee. Nein, das war es nicht. “FICK DICH! DU UNDANKBARES STÜCK SCHEIßE! ICH HASSE DICH!”, schrie Ezra die Kanne an. Er griff sie am Henkel und schlug sie mit aller Wucht, die sein abgehungerter Körper ihm ermöglichte, gegen die Wände, zertrat die Scherben der Glaskanne, bis sie sich mit den vorherigen mischten und band sich seine Karohemden um die Fäuste, um in wilden, furiosen Schlägen weiter die Scherben zu zerkleinern. Schlag für Schlag saugten die Hemden Kaffee und Blut auf. Feuer mit Feuer bekämpfen. Er entsperrte sein Handy und in seinen Kontakten stand nur kalter Kaffee. 17 ungelesene Nachrichten, alle sagten kalter Kaffee. Wutentbrannt schmiss er sein Handy zwischen die Scherben und der Bildschirm passte sich diesen an. Ezra verstand es nicht. Er verstand nicht, dass er die Tasse selbst war. Leer, am Abgrund, zerbrochen.

 

Ezra saß allein inmitten der Scherben bei sich in der Küche und suchte nach etwas, das nie da war: Die Antwort auf eine selbstgeschaffene Frage.

Ein Kommentar zu „Kalter Kaffee

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